„Blasted“ in der TheaterArche: Ein Schlachtfeld im klärenden Regen

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Jason Cloud verleiht dem kaltblütigen, rücksichtlosen Soldaten eine diabolisch gefährliche Note. (Foto: Thomas Schluet)

Ein drastisches Stück, das seine Wirkung nicht verfehlt, ist „Blasted“ („Zerbombt“), das erste Bühnenwerk der britischen Dramatikerin Sarah Kane (1971-1999). Uraufgeführt 1995 in London, verhandelt Kane anhand dreier Charaktere die Auswirkungen traumatischer Extremsituationen auf das Menschsein.

Im Rahmen einer Co-Produktion von Mental Eclipse Theater House und vienna theatre project inszenierte Tom Crawley Kanes als unter die Haut gehendes Kammerspiel, das nur noch heute Abend in der TheaterArche (in englischer Sprache) gezeigt wird.

Das gediegen eingerichtete Hotelzimmer im englischen Leeds, in dem Cate und Ian einander treffen, gerät allmählich zum Schauplatz von Untaten, emporgekrochen aus den Abgründen der menschlichen Seele. Die Autorin reflektiert die Greuel des Bosnien-Kriegs Mitte der 1990er Jahre und setzt die drei Figuren einem Schlachtfeld kleineren Maßstabs, komprimiert auf einen Raum, aus.

Tamalynne Grant verkörpert die junge, fragile Cate (Foto: Thomas Schluet)

Ian, ein Journalist, möchte ein Tête-à-Tête mit der jüngeren Cate verbringen, die ihn aber zurückweist. Beide Charaktere haben deutliche Blessuren erlitten – Ian ist schwer lungenkrank, dämmt seine Hustenattacken aber mit Gin und Zigaretten ein und trägt fortwährend eine Pistole bei sich, da er sich bedroht fühlt. Er erniedrigt und vergeht sich an Cate, die in Stressituationen zu stottern beginnt und bisweilen sogar in Ohnmacht fällt. Die Situation eskaliert, als ein Soldat, der namenlos bleibt, in das Hotelzimmer eindringt und das Gebäude von einer Granate getroffen wird. Die Grausamkeiten zwischen beiden Männern kulminieren, und zurück bleibt Ian, schwer verletzt und erblindet, neben dem toten Soldaten. Cate, die zuvor geflohen war, betritt wieder die Szene, mit einem Baby im Arm, das sie aus den Kriegswirren gerettet hat.

Die Brutalität der Handlung spiegelt sich in Kanes Sprache durch unnahbare Sätze wider, die die Charaktere einander zuwerfen. Jeder bleibt für sich und mit seinen Traumata allein gelassen. Regisseur Tom Crawley setzt mit seinem Ensemble Kanes Ausdrucksstil sehr präzise um und lässt zumindest in einer Szene Hoffnung für die handelnden Figuren aufkommen: Als das Baby stirbt, bestattet es Cate liebevoll unter dem Hotelbett, umkränzt von Blütenblättern (von jenen Blumen, die Ian zuvor aus der Vase genommen und entzweigerissen hat).

Dave Moskin als abgestumpfter Journalist Ian (Foto: Thomas Schluet)

Dem Ensemble wird ein Höchstmaß an Achtsamkeit abverlangt, das bravourös umgesetzt wird. Tamalynne Grant verkörpert die junge, fragile Cate mit einer merklichen Ambivalenz – einerseits wird sie von Ian drangsaliert, kann sich aber doch auf ihre Weise zur Wehr setzen. Dave Moskin wandelt sich als Ian vom abgestumpften Agressor zum geschundenen Opfer und erhält am Schluss doch wieder Zuwendung von Cate in Form von Nahrung, die sie in der Stadt besorgt hat. Jason Cloud verleiht dem kaltblütigen, rücksichtlosen Gewaltverbrecher eine diabolisch gefährliche Note. Spezielles Augenmerk wurde auch auf das Sound-Design (Dave Moskin) gelegt: Das Geräusch von fließendem Wasser im Badezimmer oder von Regen, der von draußen an die Fensterscheibe klopft oder in das zerstörte Zimmer tropft, suggeriert einen möglichen Läuterungsprozess.

Fazit: „Blasted“ gestaltet sich als starkes Stück, das in seinen knapp 100 Minuten auch das Publikum herausfordert, aber dennoch (oder gerade deshalb) nicht versäumt werden sollte.

„Blasted“: Nur noch heute (12. Oktober 2019) in der TheaterArche (6., Münzwardeingasse 2), Beginn: 20 Uhr, Karten an der Abendkassa.

Weitere Informationen: www.theaterarche.at

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