„Das Bärtchen“ im Theater Center Forum: Eine missglückte Rasur und viele Vorurteile

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„Das Bärtchen – Schlimmer wird’s nimmer“: Alexander Hoffelner (l.), Simon Schober, Martin Gesslbauer (Foto: Rolf Bock)

Wie man hartgekochte Eier richtig isst oder ob man Dany plus Sahne getrennt aus dem Becher löffeln sollte: Die Charaktere in der gleichermaßen geistreichen wie unterhaltsamen Komödie des französischen Autoren-Duos Sacha Judaszko (1978) und Fabrice Donnio (1973) „Das Bärtchen – Schlimmer wird’s nimmer“ (in einer adäquaten Übersetzung von Rose Klaus und Uli Gnadt) sehen sich mit allerlei Fragen einer korrekten Lebensführung konfrontiert.

Das brillant geschriebene und dramaturgisch geschickt aufgebaute Stück, das im August 2018 in Paris uraufgeführt wurde, hat Martin Gesslbauer für die Neue Bühne Wien (Leitung: Marcus Strahl) mit einem Händchen für absurde Komik und rasante Pointen inszeniert. Der junge, etwas chaotisch veranlagte Sylvain erwartet gespannt den Besuch seines Schwiegervaters in spe. Kurz vor dessen Ankunft passiert dem vollbärtigen Sylvain ein grobes Missgeschick – sein Rasierapparat gibt den Geist auf, mitten in der Rasur, und zurück bleibt ein eindeutig erkennbares „Hitlerbärtchen“. Obendrein steht Sylvain auch noch ein wichtiges Vorstellungsgespräch bevor, zudem ist der Vater seiner Verlobten Lisa strenggläubiger Jude.

Kaskade an Missverständnissen und Unterstellungen

„Das Bärtchen – Schlimmer wird’s nimmer“ im Theater Center Forum: Stephan Paryla-Raky, Leila Strahl (Foto: Rolf Bock)
„Das Bärtchen – Schlimmer wird’s nimmer“ im Theater Center Forum: Stephan Paryla-Raky, Leila Strahl (Foto: Rolf Bock)

Was nun folgt, ist eine Kaskade an Missverständnissen und Unterstellungen, ein konsequentes Nicht-ausreden-lassen und fortwährendes Aneinander-vorbei-reden: Als wäre die Situation nicht schon schlimm genug, muss sich Sylvain mit seinem Freund, dem Couch-Besetzer JB, und dem aufdringlichen Hausmeister Herrn Mischow herumschlagen. Für Sylvain beginnt der Tag der Bewährung und des vollendeten Chaos.

Alexander Hoffelner gibt den unbeholfenen Chaoten Sylvain meisterhaft und mit höchst glaubwürdiger Mimik zum Besten, ihm zur Seite steht großartig Leila Strahl als seine nach allen Seiten hin vermittelnde Verlobte Lisa, obwohl sie ihrerseits mit dem Durcheinander ihre liebe Not hat. Stephan Paryla-Raky glänzt als Lisas Vater Paul, der zwischen Entsetzen und Schock pendelt, nicht ausschließlich wegen des Bärtchens seines Schwiegersohns in spe, sondern auch wegen der ihm kredenzten Salami. Eine Nervensäge par excellence gibt Simon Schober als Sylvains Freund JB, der nicht nur videospielend auf dem Sofa herumhängt, sondern durch einen Fauxpas mit seinem Kaffee ein Gemälde verunstaltet. Martin Gesslbauer hat das Bühnenbild in Form eines zum Stück trefflich passenden unaufgeräumten Wohnzimmers beigesteuert (Kostüm: Petra Teufelsbauer) und spielt einen herrlich penetrant anmaßenden Hausmeister – nicht nur, dass Herr Mischow ständig vergisst, die Post zuzustellen, er wittert in Sylvain sofort einen radikalen Gesinnungsgenossen.

Fazit: „Das Bärtchen“ bietet zweieinhalb Theater-Stunden, die wie im Flug vergehen und dem Motto des Leiters der Neuen Bühne Wien, Marcus Strahl, wieder einmal mehr als gerecht wird: „Theater darf unserer Auffassung nach alles: Es darf zum Lachen bringen, zum Weinen, zum Nachdenken… nur eines nicht: langweilen!“. Ganz im Gegenteil: Das Publikum erwartet vollendet ausgeführte Unterhaltung vom Feinsten!

„Das Bärtchen – Schlimmer wird’s nimmer“ von Sacha Judaszko und Fabrice Donnio: Zu sehen bis 19. Oktober 2022 im Theater Center Forum (Forum I), Porzellangasse 50, 1090 Wien, täglich außer Sonntag und Montag, Beginn jeweils: 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com

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