Theater Experiment Zerline Foto: Rolf Bock

„Die Erzählung der Magd Zerline“ im Theater Experiment: Lebensbeichte einer Unerschrockenen

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Theater Experiment Zerline Foto: Rolf Bock
„Die Erzählung der Magd Zerline“ im Theater Experiment: Helga Leitner und Alexander Nowotny (Foto: Rolf Bock)

Seit dem Jahr 1956 ist das Theater Experiment, in der Liechtensteinstraße am Wiener Alsergrund gelegen, ein Garant für Dramenraritäten, die man anderswo kaum finden wird. Nun hat Co-Direktor und Regisseur Erwin Bail eine besondere Kostbarkeit zutage gefördert, die Liebhabern von selten gespielter Theaterliteratur große Erfüllung bereiten wird.

In seinem Roman „Die Schuldlosen“, erschienen 1950, setzt sich Hermann Broch (1886 bis 1951) in elf Erzählungen mit den Jahrzehnten zwischen 1913 und 1933 in einer mitteldeutschen Residenzstadt auseinander. Darin erzählt wird die Geschichte der Magd Zerline, die, lebenserfahren und selbstbewusst, ihre Dienstherrin, die Baronin Elvire, überflügelt. Als Einakter im Jahre 1986 in Paris, mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle, uraufgeführt, erlangte die Erzählung Weltruhm.

Erwin Bail hat das Zwei-Personen-Stück „Die Erzählung der Magd Zerline“ in 90 pausenlosen Minuten mit großem Einfühlungsvermögen für das gesprochene Wort inszeniert. Sein Bühnenbild führt das Publikum in das Wohnzimmer des Herrn A., eines vermögenden Finanzmaklers (Alexander Nowotny). Dieser sitzt oder liegt auf dem roten Plüschsofa, während Zerline ihm gegenüber ihre Lebensbeichte ablegt. Ein Tisch mit Dekortuch und zwei Sesseln, dahinter ein Fenster mit halbgeöffneten Jalousien, die einen Blick ins Grüne vermuten lassen – mehr benötigt es nicht, um eine stimmige Atmosphäre aufkommen zu lassen.

Herr A., Mieter im Anwesen der Baronin, möchte eines Sonntagnachmittags seine Ruhe genießen, als Zerline ihm ihre Aufwartung macht. Alexander Nowotny wechselt gekonnt zwischen dem – ob Zerlines expliziter Schilderungen – in Verlegenheit geratenen, sichtlich irritierten Hausbewohners und der Rolle des Erzählers. Helga Leitners einnehmende Bühnenpräsenz verleiht dieser Inszenierung einen ganz besonderen Charakter: Unaufgefordert, nur von wenigen Zwischenfragen ihres Gegenübers unterbrochen, erläutert die Magd dem jungen Mann die Familienverhältnisse ihrer Dienstgeber – so wäre Hildegard, die Tochter des Hauses, ein „Bankert“, der aus einer Affäre der Baronin mit einem Diplomaten stamme, jedoch von ihr, Zerline, standesgemäß, als Sprössling des Herrn Gerichtspräsidenten, erzogen worden war.

Als ehemaliges Dorfmädel konnte Zerline schon in jungen Jahren vielseitige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen, doch ihre Liaison mit Herrn von Juna, dem Diplomaten, wertet die Magd als Sieg über die Baronin als ihre Konkurrentin. Durch eine List konnte sie ihn später vor dem Fallbeil bewahren, als der Diplomat wegen Mordverdachts vor Gericht stand. Große Schauspielkunst offenbart sich dem Publikum, wenn Helga Leitner, im Dienstbotenkleid mit weißer Schürze und Haube (Kostüme: Barbara Langbein), mit facettenreich eingesetzter Mimik und akkurat modulierter Stimme, je nach Situation, inbrünstig über das leidenschaftliche Verhältnis mit Herrn von Juna oder mit Verachtung über ihre Dienstherrin spricht. Ihren Gehstock nutzt Leitner, im Stehen wie im Sitzen, für gestische Akzente.

Fazit: Eine rundum gelungene, absolut sehenswerte Inszenierung eines Theaterjuwels, die man nicht versäumen sollte!

„Die Erzählung der Magd Zerline“ von Hermann Broch: Zu sehen bis Samstag, 7. Mai 2022, im Theater Experiment (Liechtensteinstraße 132, 1090 Wien), Beginn: 19.30 Uhr

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com

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