„Odyssee 2021“ in der TheaterArche: Sprach-Expedition zwischen Antike und Gegenwart

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„Odyssee 2021“ in der TheaterArche: Jakub Kavin hat hier mit allen Mitwirkenden ein überwältigendes Theatererlebnis geschaffen (Foto: Jakub Kavin)

Ein „immersives“ Stationentheater nennt Jakub Kavin seine jüngste Inszenierung, „Odyssee 2021“, die er in der TheaterArche, in der Mariahilfer Münzwardeingasse, aus der Taufe hob. Das Publikum taucht somit ein in eine rund drei Stunden dauernde, sehr dichte und pausenlose Aufführung an unterschiedlichen Plätzen im Theater selbst, mit einem Startpunkt im Grätzel rund um die Spielstätte.

Der Prolog findet im öffentlichen Raum statt (bei der Premiere auf dem Fritz-Grünbaum-Platz beim Haus des Meeres), bei dem ein Teil des Ensembles, choreografiert von Pia Nives Welser und Claudio Györgyfalvay, Texte von Homer skandiert, wobei Györgyfalvay als antiker Odysseus sodann den Weg zum Theater anführt und im Verlauf des Stücks immer wieder durch die einzelnen Szenen prescht.

Als Inspirationsquelle wirkten das zeitliche Zusammentreffen einiger Jahres- und Todestage in diesem Jahr, so der zehnte Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Fukushima, der 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September, der 80. Todestag von James Joyce, der 140. Todestag von Fjodor Dostojewski und der 700. Todestag von Dante Alighieri. Bei der Umsetzung als moderne Odyssee entschied sich der Regisseur für Homer als inhaltliche Klammer bei den Autoren.

Kammerspiel und Bewegungstheater

Aufgeteilt in drei Gruppen erleben die Zuseher den durchaus fordernden Theaterabend in fünf Akten, je nach Zuteilung in unterschiedlicher Reihenfolge, wobei die verschiedenen Schauplätze das Stück noch einmal auf eine andere Ebene heben. Im rot ausgekleideten, mit zahlreichen Spiegeln verhangenen Boudoir lassen bei schummriger Beleuchtung Elisabeth Halikiopoulos, Charlotte Zorell und Nagy Vilmos bei James Joyces „Ulysses“ eine sehr intime, kammerspielartige Stimmung aufkommen. Erstgenannte sinniert als Molly Bloom auf der Chaiselongue über ihr Leben als Ehefrau des Protagonisten, während die anderen beiden sich als Domina und Unterwerfender ihrem Tun hingeben.

Gleichsam als Kontrastprogramm findet der zweite Akt für alle Gruppen im großen Theatersaal statt. Hier hat Kavin Textauszüge aus dem „Inferno“ von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ zu einem Bewegungstheaterstück (Choreografie: Pia Nives Welser) zusammengefügt. Tom Jost und Nagy Vilmos rezitieren den Text, während Roberta Cortese und Bernhardt Jammernegg als Gefangene sichtlich Qualen erleiden. Das übrige Ensemble (Max Glatz, Claudio Györgyfalvay, Marc Illich, Manami Okazaki, Eike N. A. Onyambu, Pia Nives Welser und Charlotte Zorell) kommt als Höllenbewohner den beiden gefährlich nahe. Helena May Heber, Amélie Persché und Ruei-Ran Wu (der auch die musikalische Leitung des Abends über hat) kreieren musikalisch die beklemmende Stimmung dazu. Ein Konzertflügel ohne Beine, mit geöffnetem Deckel, liegt schräg auf der Bühne, als wäre er hereingespült worden.

Wandlabyrinth aus schwarzen Fäden

Der dritte Akt findet (wiederum je nach Gruppenzuteilung) im Foyer statt, wo schwarze Fäden kunstvoll zu einem Wandlabyrinth und zugleich auch raumtrennenden Element geschlungen wurden, als könnte hier Theuseus dank Ariadne und ihrem Faden dem Irrgarten entkommen. Bespielt wird der Raum von Helena May Heber, Amélie Persché, Manami Okazaki und Max Glatz, die Texte von Theodora Bauer, Marlene Streeruwitz, Lydia Mischkulnig und wiederum James Joyce rezitieren. Helena May Heber, auch gelernte Bildhauerin, bearbeitet dabei mit Schlägel und Meißel eine Steinskulptur und verleiht ihrer Interpretation damit eine besondere Dimension, ebenso Amélie Persché, die sich bei ihrer Rezitation eindrücklich auf ihrer Viola begleitet. Manami Okazaki, Co-Leiterin der TheaterArche und Sopranistin, nähert sich der Szene mit winzigen Trippelschritten, ihr Gesicht beleuchtet sie dabei von unten mit einer Taschenlampe, während sie Mischkulnigs Monolog zur Nuklearkatastrophe in Fukushima vorträgt. Max Glatz, im (ehemaligen) Kassenbereich des Theaters stehend, bringt Auszüge aus „Ulysses“ dar.

Eine ganz kurze Getränkepause war dem Premierenpublikum an dieser Stelle gegönnt, doch gleich ging es weiter mit dem vierten Akt. Ein Nebenraum des Theaters wurde zum Irish Pub umfunktioniert (Helena May Heber hat als Ausstatterin grandiose Arbeit geleistet), in dem Pia Nives Welser, Marc Illich, Tom Jost und Eike N. A. Onyambu Szenen aus Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ (früher „Schuld und Sühne“) verkörpern, stimmungsvoll begleitet von Ruei-Ran Wu auf dem Akkordeon und von Eike N. A. Onyambu auf der Violine.

Zum Finale versammeln sich danach alle Besuchergruppen wieder im großen Saal des Hauses. Hier kumulieren sich dann die unterschiedlichsten Texte zu einer dichten Collage, unter Mitwirkung des gesamten Ensembles, mit Beiträgen von Miroslava Svolikova, Kathrin Röggla, Lydia Mischkulnig und Sophie Reyer, die vier Odyssa-Figuren (verkörpert von Roberta Cortese, Elisabeth Halikiopoulos, Manami Okazaki und Charlotte Zorell) zu Wort kommen lassen, ebenso wie Lucia Joyce (gespielt von Pia Nives Welser), die Tochter des Schriftstellers, von Margret Kreidl charakterisiert wird. Der antike trifft auf den zeitgenössischen Odysseus (hier wurde auch das Gedicht von Amanda Gorman, das diese bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden hielt, herangezogen, phänomenal gerappt von Eike N. A. Onyambu), Thyl Hanscho steuerte einen Text für einen zukünftigen Odysseus (Marc Illich), insgesamt überzeugen alle Ensemblemitglieder (Helena May Heber und Amélie Persché als Penelope bzw. Penny), teils auf Podesten stehend, hier noch mit einem starken Auftritt (Bernhardt Jammernegg als Homers Teiresias, Tom Jost als Dostojewskis Swidrigailow sowie Nagy Vilmos und Max Glatz als Leopold Bloom bzw. Stephen Dedalus aus dem Joyce-Universum).

Jakub Kavin hat hier mit allen Mitwirkenden ein überwältigendes Theatererlebnis geschaffen, das sich beim ersten Ansehen wahrscheinlich gar nicht zur Gänze erschließt. Die drei prallgefüllten Stunden vergehen wie im Fluge, großartig klappt auch das Timing zwischen den einzelnen Akten und die zeitlich präzise Führung der drei Besuchergruppen durch das Haus. Wärmste Empfehlung!

„Odyssee 2021“: Bis 11. November 2021 in der TheaterArche (6., Münzwardeingasse 2), Beginn: jeweils 18.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.theaterarche.at, Tickets: www.eventim-light.com

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