Freie Bühne Wieden: Reminiszenzen einer Diva oder wie man die Kraft des Theater feiert

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Diven sterben einsam und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind: Dany Sigel als einstiger Bühnenstar Mila Menardi (Foto: office@philipphutter.com)

Eine Hommage an das Theater, an seine Kraft und die Sehnsucht danach so kündigt Prinzipalin Michaela Ehrenstein ihre jüngste Stückentdeckung an, mit der die Freie Bühne Wieden energisch in die neue Saison startet.

Diven sterben einsam und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind“ hat Autor Dirk Audehm (geboren 1967 in Güstrow/Mecklenburg-Vorpommern) sein Werk benannt. Und ein wenig schwingt im Titel schon die liebevolle (Selbst-)Ironie mit, die er seiner „Diva“ zuteilwerden lässt. Mila Menardi, so heißt die Bühnenfigur von Audehms Ein-Personen-Stück, war einst ein gefeierter Star auf großen Bühnen, spielt nunmehr aber vorwiegend kleinere Rollen in der Provinz. Eines Abends, als der Vorhang gefallen ist, lässt Menardi ihr Leben – am Theater und als Privatperson – Revue passieren. Auch die Stimme des Hausmeisters, die sie erst höflich, dann nachdrücklich auffordert, doch bitte endlich die Garderobe zu verlassen, hält sie nicht davon ab, einem (für die Figur unsichtbaren) Publikum die Geschichte ihres Lebens zu erzählen.

Menardis Berufseinstieg war nicht einfach, schließlich wollten die Eltern eine solide Ausbildung für ihre Tochter, Sekretärin oder Lehrerin hätte sie werden sollen. Doch kaum war die Anfangszeit überstanden, ging es Schlag auf Schlag: Sie spielte alle großen Rollen, war ein umjubeltes Gretchen, eine gefeierte Julia, eine geachtete Elisabeth in Schillers Maria Stuart. Einzig die Rolle der Lady Macbeth hat Mila nicht gespielt, doch auch das Angebot, eine der Hexen zu verkörpern, hat sie selbstbewusst abgelehnt. Im Jetzt ärgert sie sich über eine junge talentfreie Kollegin, die Model auf einer Keksdose war, und erzählt bei Tee mit Zitrone und Wodka auch von ihren großen Liebschaften, denen zwei Söhne entsprangen.

Dany Sigel spielt Mila Menardi mit einer großen Wahrhaftigkeit, 90 Minuten lang hält sie das Publikum in ihrem Bann. Sigel gelingt es grandios, ihrer Bühnenfigur die unterschiedlichsten Facetten zu entlocken: Menardi lässt ihre größten Erfolge als Kassandra aus der Orestie, Gretchen oder Lady Anne aus Richard III“ Revue passieren, während Sigel ihre große Schauspielkunst zum Besten gibt. Menardi erzählt von dem Rauschzustand, den eine gelungene Premiere auslösen kann, solange das Scheinwerferlicht eingeschaltet ist – doch wehe, die Lichter gehen aus, und der Alltag holt den Bühnenstar wieder ein. Im Laufe der anderthalb Stunden füllt Dany Sigel den Bühnenraum komplett aus, nimmt an Menardis Schminktisch Platz, stöbert im Kleiderfundus oder sitzt sinnierend auf dem Boden ihrer Garderobe. Sehr stimmig wirkt der Regieeinfall, mittels dessen Dany Sigel durch den schräg gestellten Schminktisch dem Publikum den Rücken zuwendet und dieses die Mimin im Spiegel betrachten darf.

Die Regie des überaus gelungenen Abends lag in den Händen von Günther Frank und Peter Fernbach, denen eine sehr geschickte Montage zwischen den unterschiedlichen Textebenen geglückt ist, meisterlich sämtliche Facetten mit Dany Sigel aus deren Bühnenfigur herausgearbeitet und für das richtige Tempo gesorgt haben. Walter Lochmann am Klavier rahmt den Abend stimmig ein und setzt die musikalischen Akzente bei Menardis Reminiszenzen.

Fazit: Ein Theater-Fest für Schauspieler und Publikum, wie man es sich zu einem Saisonbeginn kaum schöner wünschen kann!

„Diven sterben einsam und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind“: Gespielt wird noch bis 3. Oktober in der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstraße 60b), Beginn: 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

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