Komödie am Kai feiert 35-jähriges Jubiläum: „Frühere Verhältnisse“ zwischen Sein und Schein

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„Frühere Verhältnisse“ in der Komödie am Kai: Rudolf Pfister, Sissy Boran, Peter Kuderna und Dagmar Truxa

Gleich vorweg: Diese Nestroy-Inszenierung sollte man keinesfalls versäumen! Zeitlos und sich ganz dem Wortwitz des großen Wiener Satirikers verschreibend, hat Peter Josch eines der Spätwerke von Johann Nepomuk Nestroy, „Frühere Verhältnisse“, für die Komödie am Kai inszeniert.

Der Einakter, eine Posse mit Gesang (musikalische Leitung: Walter Lochmann), nimmt die ambivalenten Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft aufs Korn und entlarvt diese mit beißendem Scharfsinn: Der wohlhabende Holzhändler Herr von (!) Scheitermann ist durch Heirat mit der Professorentochter Josephine in bessere Kreise aufgestiegen – allerdings weiß die Gattin nichts davon, dass ihr Ehegespons einst ein einfacher Hausknecht war.

Dieser wird nun von seinen „früheren Verhältnissen“ eingeholt, da neues Personal für das Hause Scheitermann gesucht wird und sich zur Überraschung des Hausherrn sein einstiger Prinzipal Anton Muffl um die Stelle des Dieners bewirbt. Doch damit noch nicht genug, sucht auch Peppi Amsel eine neue Anstellung: Sie war früher Köchin in Josephines Elternhaus und eine enge Vertraute der jungen Professorentochter, schaffte dann den Aufstieg zur Schauspielerin, um nunmehr doch wieder zu ihrer ursprünglichen Berufung zurückzukehren. Den durch Konkurs gescheiterten Muffl und die von der Theaterwelt enttäuschte Peppi Amsel verbindet eine gemeinsame Vergangenheit: Beide lernten einander in einem Kurbad kennen, in dem die Schauspielerin an einer kleinen Bühne auftrat, und verlobten sich alsbald.

Robert Mohor als vazierender Hausknecht

Große Verwirrung bricht los, als alle vier Charaktere in Scheitermanns Salon aufeinander treffen: Einzig Josephine weist einen untadeligen Lebenslauf auf, alle anderen versuchen mit großer Mühe, über ihre einstigen bzw. derzeitigen Lebenssituationen den Mantel des Schweigens zu breiten, zumal Muffl Peppi durch eine Verwechslung für die Herrin des Hauses hält und Josephine ihren Gatten eines Verbrechens verdächtigt.

Uraufgeführt am 7. Jänner 1862 im Theater am Franz-Josefs-Kai (am heutigen Morzinplatz), sind es die Dienstboten, die in dieser sehr turbulenten Posse rund um Sein und Schein die Richtung vorgeben.  Regisseur Peter Josch hat die Nestroyschen Couplets behutsam amüsant modernisiert und zu dem Charakter-Quartett noch eine Figur hinzugefügt – die eines vazierenden Hausknechts. Robert Mohor darf als solcher eine Einführung zum Stück, aber auch Erhellendes zum halbrunden Jubiläum der Komödie am Kai mit pointiertem Schmäh vortragen, um später als glückloser Bewerber im Hause Scheitermann zu landen.

Der stilvolle Salon des Hauses Scheitermann (Bühne: Siegbert Zivny/Herwig Libowitzky), der mit einer Chaiselongue, einem Beistelltisch, anderen Sitzgelegenheiten und einer Grünpflanze ausgestattet wurde, ist der Schauplatz für die zahllosen Verwicklungen: Sissy Boran mimt sehr erhaben die vornehme Dame des Hauses, die mit Hilfe von Peppi ihren verdächtigen Gatten des Diebstahls zu überführen hofft. Peter Kuderna verkörpert grandios den ruhelos-nervösen Emporkömmling Scheitermann, der panische Angst davor hat, dass sein Dasein als ehemaliger Hausknecht vor seiner Frau enthüllt wird. Als charmant-kecke Peppi Amsel, die es wagt, auch dem Hausherrn zu widersprechen, glänzt Dagmar Truxa (die auch die geschmackvollen Kostüme beigesteuert hat), und auch Rudolf Pfister beeindruckt als nassforscher Anton Muffl, der seinen ehemaligen Hausknecht ganz nonchalant duzt. Allen Charakteren gemeinsam ist ihr salonwienerische Akzent, der die sehenswerte Inszenierung stringent abrundet.

„Frühere Verhältnisse“ steht noch bis 17. Juni sowie von 20. Juli bis 2. September auf dem Spielplan der Komödie am Kai (1., Franz-Josefs-Kai 29),  jeweils dienstags bis samstags (Beginn: 20.15 Uhr).

Weitere Informationen: www.komoedieamkai.at

Vor genau 35 Jahren, am 27. Mai 1982, läutete die Komödie am Kai unter der Direktion von Erich L. Koller mit dem Lustspiel „Gute Nacht Liebling – und wünsch mir Glück“ des britischen Dramatikers William Douglas-Home ihren Spielbetrieb ein. Die Örtlichkeit ist von kulturhistorischer Bedeutung: Ab 1960 befand sich Stella Kadmons „Theater der Courage“ an dieser Stelle. Erich Martin Wolf, Obmann der Österreichischen Theatergemeinde, würdigte im Rahmen der feierlichen Gala-Premiere das Lebenswerk Erich L. Kollers. Seit Bestehen der Komödie am Kai wurden 176 Produktionen gezeigt, in einer gelungenen Mixtur aus modernen Stücken, Klassikern und Wiedentdeckungen – immmer mit dem Bestreben, für das Publikum zu spielen. Ebenso ließ Prinzipalin Sissy Koller-Boran ließ die Geschichte des Hauses in sehr persönlichen Worten Revue passieren und dankte ihrem Gatten, der auch anwesend war, ebenso wie ihrer „Theaterfamilie“ und Andrea Eckstein, einer der Stützen des Hauses. Ein bewegender Abend, der noch lange nachklingen wird!

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