Theater Drachengasse: Vier Frauen auf dem Weg zur Selbstermächtigung

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„Nina Simone: Four Women“ im Theater Drachengasse: Shari Watson aka „Truth Hurts“, Dorretta Carter, Achan Malonda und Kudra Owens (Foto: Ine Gundersveen & Thomas Schluet)

Der devastierte Innenraum einer Kirche ist der Schauplatz von Christina Hams Musiktheaterstück „Nina Simone: Four Women“, mit dem das Theater Drachengasse seine neue Spielzeit eröffnet. Ham siedelt ihr Stück vor dem Hintergrund eines rassistischen Attentats auf eine Baptistenkirche in Birmingham/Alabama im Jahre 1963 an, zu einer Zeit, als die bereits renommierte Jazz-Sängerin Nina Simone (den Begriff „Jazz“ vermied sie allerdings und bezeichnete ihre Musik als Black Classical Music) begann, sich in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu engagieren. Denn es läge in der Verantwortung einer Künstlerin bzw. eines Künstlers, so die Überzeugung der Sängerin und Pianistin, die Zeit, in der man lebt, zu reflektieren.

Das Stück nimmt Bezug auf Nina Simones geschichtsträchtiges Lied „Four Women“, mit dem sie vier Women of Colour eine unüberhörbare, kämpferische Stimme verleiht, die zugleich die vier jungen Mädchen repräsentieren, die bei dem Bombenattentat ums Leben kamen. Die vier Charaktere absolvieren teils hitzig ausgetragene Wortgefechte über ihre unterschiedlichen Erlebnisse und Zurücksetzungen aufgrund ihrer Hautfarbe. Regisseurin Joanna Godwin-Seidl hat ein Spitzenensemble zusammengeführt, das mit großer Stimmgewalt und eindrücklichem Spiel überzeugt: Dorretta Carter brilliert als Nina Simone auf dem Weg zur starken Künstler-Aktivistin; Achan Malonda als vom Leben gezeichnete Sarah, die von den anderen geringschätzig „Aunty“ genannt wird; Kudra Owen als Sephronia, der ein sozialer Aufstieg verhältnismäßig gut gelungen zu sein scheint; und Shari Watson aka „Truth Hurts“, die am Rande der Gesellschaft lebt.

Die musikalische Leitung des Abends liegt in den Händen von Dave Moskin, der die Sängerinnen auch am Piano begleitet. Wenn das Darstellerinnen-Quartett Nina Simones Bürgerrechtshymnen wie „Mississippi Goddam“, „Go Limp“ and „Young, Gifted, and Black“ anstimmt, ist die beeindruckende Energie, die von Simones  Liedern ausgeht, deutlich zu spüren. Bühnenbildnerin Laura Mitchell hat einen Kirchenraum mit vielen Details der Zerstörung gestaltet und typgerechte Kostüme, passend im Stil der 60er, kreiert.

Mit der Auswahl dieses Stücks hat das Vienna Theatre Project unter der Leitung von Joanna Godwin-Seidl einmal mehr unter Beweis gestellt, wie packend relevante Themen mit politischem Anspruch gekonnt auf einer Theaterbühne verhandelt werden können. Auch die nächste Produktion des Vienna Theatre Projects, eine Wiederaufnahme von Katori Halls „The Mountaintop“ über den letzten Abend von Martin Luther King, zu sehen ab Februar 2021 in der Bar & Co. im Theater Drachengasse, erörtert das Thema der Bürgerrechtsbewegung.

Fazit: „Nina Simone: Four Women“ ist ein kraftvolles, wichtiges, auch im Zusammenhang mit der Black-lives-matter-Bewegung, unter die Haut gehendes Stück über Selbstermächtigung und Erkenntnisgewinn, das dank seiner vier Darstellerinnen zu einem erinnerungswürdigen Abend wird.

Christina Ham: „Nina Simone: Four Women“, eine Produktion des Vienna Theatre Projects, bis 3. Oktober im Theater Drachengasse (1., Fleischmarkt 22, Beginn: jeweils 20 Uhr).

Weitere Informationen: www.viennatheatreproject.com, Karten: www.drachengasse.at

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