Freie Bühne Wieden: Von jugendlichem Zorn und einer verdrängten Lebenslüge

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Joanna Murray-Smiths „Zorn“ in der Freien Bühne Wieden: Michaela Ehrenstein, Georg Müller-Angerer, Rainer Doppler als Familie vor großen Herausforderungen (Foto: Rolf Bock)

Ein fassungsloses Elternpaar sieht sich mit einem unvorstellbaren Vorwurf konfrontiert: Der 16-jährige Sohn soll eine Moschee mit islamfeindlichem Graffiti besprüht haben. Joe Harper, Schüler eines Eliteinstituts und einem intellektuellen Elternhaus entstammend, lässt damit die Welt seiner Mutter und seines Vaters zusammenbrechen. Alice, die renommierte Neurowissenschafterin, deren Forschungsleistungen soeben mit einer internationalen Auszeichnung gewürdigt wurden, und Patrick, der erfolgreiche Romanschriftsteller, finden keine Erklärung für Joes Untaten – immerhin waren Toleranz und Gewaltfreiheit oberste Prämissen ihrer Erziehung.

Die Ausgangssituation von Joanna Murray-Smiths Stück „Zorn“ (Deutsch von John und Peter von Düffel), das im Rahmen einer Wiener Erstaufführung in der Freien Bühne Wieden gezeigt wird, baut gleich zu Beginn einen Spannungsbogen auf, der im Handlungsverlauf zu einer überraschenden Wendung führt. Klaus Haberl hat „Zorn“ für die Freie Bühne Wieden inszeniert und setzt dabei ganz auf die Stärke von Murray-Smiths Dialogen im von ihm kreierten Bühnenbild: In dessen Zentrum steht die rote Couch, auf der die Charaktere Platz nehmen, um ihre gegensätzlichen Standpunkte zu vertreten. Dazu gesellen sich zwei Sessel, um das Podium der kontroversen Auseinandersetzungen zu komplettieren. Christine Zauchinger hat das Ensemble mit rollenadäquaten Kostümen ausgestattet.

Zu Beginn des Stücks interviewt die junge Aufdeckerjournalistin Rebecca (Anna Sophie Krenn) in einer Filmzuspielung (Theater-Bild-Club) Alice Harper anlässlich der Preisverleihung. Später kommt dieser Reporterin eine entscheidende Rolle zu, als es ihr gelingt, die vermeintlich solide Existenz des Intellektuellenehepaars in ihren Grundfesten zu erschüttern. Michaela Ehrenstein als rational agierender Vernunftmensch Alice, gleichzeitig aber aufbrausend-streng, und Rainer Doppler als konzilianter, beschwichtigender Patrick mimen die Eltern des jungen Delinquenten, der mit seiner Straftat eine Kettenreaktion auslöst, die letztlich eine Lebenslüge aufdeckt. Jede Generation, so formuliert es Murray-Smith, geht anders mit Kritik am Establishment um. Georg Müller-Angerer mimt sehr wahrhaftig den zornigen, jungen Mann, der sich seine Argumente bereits zurecht gelegt hat und nicht von seinem Standpunkt abzubringen ist. Martin Muliar spielt den Lehrer, der den Eltern die strafrechtliche Komponente der Untaten ihres Sohnes detailreich erklärt und Joe gegenüber nüchtern zugibt, dass es einzig und allein auf das Image ankommt – auf jenes der Schule, das nun beschädigt wurde, aber auch im Weltenlauf generell.

Als Kontrapunkt zu Alice und Patrick hat Autorin Murray-Smith das Elternpaar Annie und Bob etabliert: Sie Haarkoloristin, er Kfz-Monteur, sind die beiden das markante Gegenteil zu den beiden Oberschichtvertretern. Dem Sohn (der für das Publikum unsichtbar bleibt) von Annie und Bob wird eine Mittäterrolle in der Strafsache zugeordnet, und nun liegt es an den vier Elternteilen auszudiskutieren, welcher Sprössling den anderen angestiftet haben könnte. Eva Christina Binder und Michael Bergwein verkörpern das exzentrische Paar mit „Wir sind wir und waren zuerst da“-Mentalität am anderen Ende der Gehaltsskala; dem Sohn von Annie und Bob wird der Schulbesuch durch ein Sportlerstipendium ermöglicht, das er durch seinen Fehltritt verliert.

Fazit: Murray-Smiths Figurenpersonal bietet eine Menge Stoff zum Reflektieren und Diskutieren; für Gesprächsstoff nach der Vorstellung sollte bei diesem Stück, das viele Fragen aufwirft, gesorgt sein. Beeindruckende Ensembleleistung!

„Zorn“: Gespielt wird noch bis 1. Februar sowie von 10. bis 15. Februar in der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstraße 60b), Beginn: jeweils 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

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