„Der Bockerer“ im Theater Center Forum: Mit Witz und Renitenz gegen ein grausames System

Veröffentlicht von
web_der-bockerer_c_rolf-bock_085
„Der Bockerer“: Johannes Kaiser, Gregor Viilukas, Rudi Larsen und Martin Gesslbauer (v. l.) beeindrucken in der starken Inszenierung von Marcus Strahl. (Foto: Rolf Bock)

Ein bedeutendes, zeitlos aktuelles Stück ist „Der Bockerer“, verfasst von Peter Preses und Ulrich Becher und im Jahre 1948 im Neuen Theater an der Scala in Wien uraufgeführt: Marcus Strahl hat den Klassiker um einen renitenten und gewitzten Fleischhauer in der Nazi-Zeit mit dem Ensemble seiner Schaubühne Wien ausdrucksstark und ideenreich inszeniert.

In zwölf Bildern erzählen Preses und Becher (Neufassung: Marcus Strahl) – beginnend mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen im Jahr 1938 über die Pogrome im selben Jahr, den Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zu seinem Ende – von der Widerspenstigkeit eines erst arglosen, unpolitischen Mannes. Dieser erkennt rasch, dass sich die Verhältnisse geändert haben, als sein jüdischer Tarock-Partner Dr. Rosenblatt aus der Stadt fliehen muss.

Rudi Larsen brilliert als Bockerer, der anfangs die Welt nicht mehr versteht. Erst noch im Glauben, dass ihn Gattin und Sohn zum Geburtstag überraschen wollen, stellt er bald fest, dass beide ihn vergessen haben – und stattdessen zu den Feierlichkeiten zum Ehrentag des Despoten aus Braunau (der am selben Tag Geburtstag hat!) eilen.

Strahl setzt auf Situationskomik, wo es passt: Sehr erheiternd ist die – legendäre und aus der ersten „Bockerer“-Verfilmung bekannte – Szene, in der der Fleischhauer genötigt wird, eine Hakenkreuzfahne an der Fassade seines Geschäftes anzubringen. Mit absichtlicher Tollpatschigkeit Bockerers landet das Emblem der Fahne einmal auf dem Gehsteig, ein anderes Mal verschwindet es in der aufgerollten, roten Fahne – zum großen Ärger der Obrigkeit.

Aber auch schwer verdauliche, beklemmende Szenen bleiben im Gedächtnis haften, wie jene, in der zwei Frauen sich über einen jüdischen Mitbürger amüsieren, der von einem Wachorgan gezwungen wird, einen Gehweg im Stadtpark aufzuwaschen und den Putzfetzen dann auch zu „apportieren“. Sehr berührend gerät die Szene, in der sich Vater und Sohn, bereits einander entfremdet, vor dessen Abreise wieder versöhnen. Ebenso jene der Wiedersehensfreude von Bockerer und seinem alten Freund Hatzinger, der einen Bombentreffer auf sein Haus nur durch Zufall überlebt hat.

Videoprojektionen und Wiener Lieder

Das Ensemble agiert in einem sehr wandelbaren Bühnenbild von Martin Gesslbauer, Projektionen lassen die Wohnung der Fleischhauer-Familie erscheinen, ebenso wie den Stadtpark oder einen Heurigen. Für die Pausen zwischen den einzelnen Bildern wurden eigens Videoprojektionen in Zusammenarbeit mit Schülern der Klasse 3ad der BHAK Wien 10 hergestellt (Endschnitt und Bearbeitung: Andreas Ivancsics), die zu vertrauten Wiener Liedern, in einem scharfen Kontrast, jubelnde Massen beim Einmarsch der deutschen Truppen und Gräuelbilder aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen.

Das Ensemble agiert durchwegs hervorragend, neben Larsen Irene Budischowsky als Frau Bockerer, die sich restlos für den „Führer“ begeistert, ebenso Sebastian Blechinger als Sohn Hans, der Karriere in der SA macht und später in Stalingrad fällt. Johannes Kaiser und Martin Gesslbauer beeindrucken in ihren Rollen als gutmütiger Hatzinger bzw. als vorausschauender Rechtsanwalt Rosenblatt.

Eine genial-groteske Darstellung des aus Steinhof entflohenen Patienten Selchgruber, der kurz nach Kriegsende in der Wohnung der Familie Bockerer Unterschlupf sucht und dabei glaubt, er wäre der „Führer“, liefert Johannes Terne ab. In weiteren Rollen überzeugen Leila Strahl und Anke Zisak als Mizzi Haberl und Frau Krampflitschek, die sich an den Graumsamkeiten der SS-Organe im Stadtpark erheitern, sowie Gregor Viilukas als ungehorsamer Eisenbahner Hermann und David Miesmer als erbarmungloser SS-Standartenführer Gstettner.

„Wir müssen aufpassen!“, mahnt Bockerer am Schluss. Ein starkes Stück – und eine starke Inszenierung, die wohl länger in Erinnerung bleiben wird.

„Der Bockerer“ ist noch bis 3. Dezember im Theater Center Forum (9., Porzellangasse 50) zu sehen. Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com bzw. www.nbw.at

2 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.