Kultur Schatulle

Kultur-Schätze aus Wien und München

16. August 2016
nach Anja Schmidt
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„Dalles und Dowidl“: Leopoldstädter Unterhaltungskultur im Café Landtmann

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Das Ensemble von „Tinte & Kaffee“ präsentiert eine szenische Collage über die Welt der jüdischen Unterhaltungskultur im Wien der Jahrhundertwende. (Foto: „Tinte & Kaffee“)

Wer heutzutage die Praterstraße entlangschlendert, vermag sich kaum vorzustellen, welche Kulturoase die einstige Jägerzeile war. Das Carltheater, an dessen Standort sich seit den 1970er Jahren das Bürohochhaus „Galaxy“ (Praterstraße 31) befindet, die „Jüdischen Künstlerspiele“ im Nestroyhof (Nr. 34) direkt gegenüber, die Rolandbühne (Nr. 25) und viele andere Vergnügungsstätten (wie der Zirkus Renz) und Kaffeehäuser im Grätzel zwischen Taborstraße und Praterstern sowie im Prater selbst zogen das Publikum in Scharen an.

Im Juni des Jahres 1889 präsentierte sich ein neues Ensemble der Öffentlichkeit – die Budapester Orpheumgesellschaft, deren Mitglieder ursprünglich in den verschiedensten Orpheum-Etablissements in Budapest auftraten. Auf dem Programm standen Couplets, Operettenarien, Wiener Lieder, Tanznummern, Parodien, Lieder in ungarischer Sprache und Soloszenen, dazwischen konnten die Zuschauer Getränke und Speisen konsumieren. Im selben Jahr wurden erstmalig auch einaktige Possen zur Aufführung gebracht.

Die „Budapester“ tingelten umher und bespielten danach für mehr als zwei Jahrzehnte Säle in den Hotels „Zum Schwarzen Adler“, „Stephanie“ und „Central“ in der Taborstraße. Im Jahre 1913 bezog das Ensemble eine neue Wirkungsstätte – eine für die Truppe eigens errichtete Bühne im Gebäude in der Praterstraße 25 (wo sich bis vor Kurzem eine Supermarktfiliale befand). Bereits im Jahr davor wurde ein junger Schauspieler unter Vertrag genommen, der sich zum Charakterdarsteller emporarbeitete: Hans Moser! ¹

„Dalles & Dowidl“: profund recherchierte Collage zum Nachdenken und Schmunzeln

Einen spannenden und lebendigen Streifzug durch die Welt des jüdischen Unterhaltungstheaters der Jahrhundertwende in der Leopoldstadt präsentiert das Ensemble „Tinte & Kaffee“ mit seinem Programm „Dalles & Dowidl“ im Café Landtmann. Angereichert mit Texten von Joseph Roth, Sigmund Freud oder Theodor Herzl entsteht ein dichte, profund recherchierte Collage (Regie und Textauswahl: Christoph Prückner), die viel Gelegenheit zum Nachdenken und Schmunzeln bietet.

Einem fünfköpfigen Ensemble (bei der Premiere waren mit dabei: Eva Agai, Eva Bruckner, Elisabeth Seethaler, Andreas Kosek und Christoph Prückner) gelingt in einem minimalistischen Bühnenbild (zwei Tische, Sessel, ein Garderobenständer) und wenigen Requisiten eine sehr ausdrucksstarke Darbietung. Prückner liefert mit seiner Textauswahl auch wesentliche Einblicke in die schwierigen Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung: Joseph Roth (1894 bis 1939) beschreibt in seinem Essay „Juden auf Wanderschaft“ aus dem Jahr 1927 die Repressalien, denen Ostjuden in der Leopoldstadt ausgesetzt waren, bei der Ankunft im Meldeamt, beim Hausieren in den Cafés oder im Wohlfahrtsbüro.

Im zweiten Teil der Aufführung steht die „Klabriaspartie“ im Mittelpunkt – ein Einakter aus der Feder von Adolf Bergmann, uraufgeführt im Jahre 1890 von der Budapester Orpheumgesellschaft. In einem jüdischen Kaffeehaus in der Leopoldstadt treffen die Stammgäste Simon Dalles und Jonas Reis sowie der Kibitz Dowidl Grün (von diesen Figuren leitet sich auch der Name des Programms ab) auf den Böhmen Prokop Janitschek, den sie zu einer Partie Klabrias einladen. Missverständnisse und amüsante Verwicklungen während des Spiels sind die Folgen.

Wer sich für jüdische Theaterkultur und/oder für die Bezirksgeschichte der Leopoldstadt interessiert, wird sich über ein Füllhorn an Heiterem und Historischem freuen. Ein Abend, der so viel Substanz beinhaltet, dass sich auch ein zweiter Besuch lohnt!

„Dalles & Dowidl“ steht noch drei Mal auf dem Spielplan des Ensembles „Tinte & Kaffee“ im Café Landtmann: donnerstags am 18. und 25. August sowie am Sonntag, den 11. September. 

Weitere Informationen: www.tinteundkaffee.at

¹ Vgl.: Wacks, Georg: Die Budapester Orpheumgesellschaft. Ein Varieté in Wien 1889-1919. Wien: Holzhausen, 2002.

25. Juli 2016
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Komödie am Kai: „Mannsbilder“ im Spiegel der Damenwelt

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Die Pointen sitzen perfekt: Michael Duregger (l.) und Peter Kuderna spielen die beiden „Mannsbilder“ (Foto: Komödie am Kai).

„Lachschlager“ steht in großen Lettern oberhalb des Eingangs zur Komödie am Kai, und genau einen solchen servieren Sissy Boran und Andrea Eckstein (von beiden stammt die Idee, beide haben inszeniert) unter dem Titel „Mannsbilder“.

Doppelconferencen, so wie man sie beispielsweise von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn nur zu gut kennt, hat das Duo Boran/Eckstein zu einem grandiosen Pointen-Potpourri arrangiert. Der verbale Schlagabtausch zwischen dem „Gescheiten“ und dem „Begriffsstutzigen“ gelingt hervorragend: Die Gags sitzen perfekt, wenn Peter Kuderna als besserwisserischer Herr Swoboda dem unwissenden Herrn Pospischil (Michael Duregger mit brillanter Mimik) die Welt erklären möchte.

Kuderna, im vorbildlich sitzenden Anzug, und Duregger, in Karo-Sakko mit auffällig gemusterter Krawatte, orangefarbenes Hemd und dunkelgrüne Hose gewandet (Kostüme: Barbara Langbein), stemmen dabei eine gigantische Textmenge und sind virtuos aufeinander eingespielt.

Szenische Revue mit Situationskomik und Wortwitz

Boran und Eckstein setzen auf Situationskomik und Wortwitz: Zugespitzte Alltagssituationen im Wettbüro oder am Gartenzaun, beim Kauf eines Klaviers oder von Briefmarken auf dem Postamt – Absurditäten, die der Realität entsprungen sein könnten, werden unter die Lupe genommen und genüsslich zur Schau gestellt. Sehr amüsant: die Szenen über Reisebekanntschaften im Zug („Was zieht Sie nach Ungarn?“ „Na, hoffentlich die Lokomotive!“) oder über die Freuden des Gärtnerns („Kompost?“ „Ja, Post kommt!“).

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Bernadette Mezgolits hält als „Kleines“ beiden „Mannsbildern“ einen Spiegel vor (Foto: Komödie am Kai).

Bernadette Mezgolits tritt als Conférencière auf und verknüpft die einzelnen Szenen musikalisch: Bezaubernd singt sie sich durch ein Repertoire aus Musical-Songs (ein starker Auftritt gleich zu Beginn mit „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ aus „Cabaret“) und Evergreens, hält in ihrer Rolle als „Kleines“ beiden „Mannsbildern“ einen Spiegel vor und darf dabei ihre Gedanken und Ansichten über die Männerwelt loswerden.

Bei der Premiere wurde viel und herzlich gelacht – eine charmante, vergnügliche Produktion, die bestens in den Sommer passt!

„Mannsbilder“ ist noch bis 27. August in der Komödie am Kai (1., Franz-Josefs-Kai 29), jeweils dienstags bis samstags (Beginn: 20.15 Uhr), zu sehen.

Weitere Informationen: www.komoedieamkai.at

20. Juli 2016
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Theater Brett: Auf den Spuren vielfältiger Versuchungen

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Neun junge Schauspieler loteten das Thema „Versuchung“ im Rahmen des Sommer-Theater-Karussells unter der Regie von Andrea Buršova und Dalibor Buš aus. (Foto: Theater Brett)

„Fünf Sprachen, fünf Länder, viel Spaß“ – unter diesem Motto fand das diesjährige Sommer-Theater-Karussell im Wiener Theater Brett statt.

Neun junge Theaterschaffende aus Ungarn, Polen, Tschechien, der Slowakei und Österreich hatten sich zu einem zweiwöchigen Arbeitstreffen in Wien versammelt, um danach die ideenreichen Ergebnisse im Rahmen zweier Aufführungen vor Publikum zu präsentieren.

„Die Versuchung“ hieß die szenische Collage, in der sich das junge Ensemble – Petra Acs, Agnesz Csikász, Anna Gabrysz, Frederika Galíková, Marius Huth, Jakub Janotík, Oliwia Nazimek, Matěj Pohořálek und Michaela Rykrová – unter der Leitung und Regie von Andrea Buršova und Dalibor Buš (Supervision: Nika Brettschneider, Organisation: Ludvík Kavín) auf Spurensuche begab.

Versuchungen der unterschiedlichsten Arten wurden aufgestöbert: Verlockungen, die der Zufall provoziert, wie beim Anbandeln inklusive Überraschungsmoment, oder moralisch grenzwertige Verführungen, wenn etwa eine Freundin der anderen den Partner ausspannt.

Über die Multifunktionalität von Papiertaschentüchern

Spannend war es zuzusehen, wie präzise und auf welche Weise die Akteure das Thema ausloteten: Kommunizert wurde in den jeweiligen Muttersprachen, teils auch auf englisch. Der nonverbalen Ebene wurde viel Platz eingeräumt – Gestik, Mimik, Körpersprache generell und die Freude an der Bewegung rückten in den Fokus.

In flottem Tempo wurden die einzelnen Szenen dargeboten und die fünf Türen des Raumes probat in die Geschehnisse eingebaut, einige Sessel reichten dabei als Bühnenbild (Licht und Tondesign: Andreas Zemann). Viel Freude am Spielen – gemäß dem Ausgangsmotto – bewies das Ensemble gleich in der ersten Szene, in der die Multifunktionalität von Papiertaschentüchern unter Beweis gestellt wurde.

Sehr schade ist es, dass diese gelungene Gemeinschaftsproduktion nur an zwei Abenden auf dem Spielplan stand – gerne hätte man noch mehr von dieser talentierten Truppe gesehen. Das Theater Brett, das sich seit jeher der Nachwuchsförderung verschrieben hat, leistete mit dieser Produktion einen (ge-)wichtigen Beitrag zum diesjährigen Wiener Theatersommer.

Weitere Informationen: www.theaterbrett.at

5. Juli 2016
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Sommerspiele Grein: Wie frau einen eifersüchtigen Gatten kuriert

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„Die Auster“ bei den Sommerspielen Grein mit einem überzeugenden Ensemble (v. l.): Anna Dangel, Andreas Roder, Michael Gert und Christine Renhardt (Foto: Sommerspiele Grein)

Es ist schon etwas ganz Besonderes, einer Vorstellung im ältesten (in seinem Originalzustand weitestgehend erhaltenen) bürgerlichen Theater dieses Landes beizuwohnen: Das Stadttheater Grein wurde im Jahre 1791 von der Greiner Bürgerschaft gegründet und feiert heuer demnach sein 225-jähriges Bestehen.

Intendant Michael Gert hat für die 53. Saison seiner Sommerspiele eine Komödie des französischen Autors Didier Caron, Jahrgang 1963, ausgewählt: „Die Auster“ („L’Huitre“, Übersetzung: Thomas Stroux), uraufgeführt im Jahre 2008 in Lyon.

Der Titel des Stücks bezieht sich auf den Protagonisten: Bernard verschließt sich seit seiner Pensionierung wie eine Auster, flüchtet sich in sein Hobby, das Radfahren, und vernachlässigt seine sozial engagierte Frau Viviane. Als Bernard im Terminkalender seiner Gattin wiederholt den Namen Olivier entdeckt, glaubt er, einen Nebenbuhler ausgemacht zu haben und stellt Viviane vor vollendete Tatsachen, sich trennen zu wollen, weil er eine Geliebte hätte.

Viviane fällt aus allen Wolken, dreht jedoch den Spieß um und präsentiert ihren Kollegen Olivier als ihren Liebhaber. Da Bernard seine Geliebte jedoch nur erfunden hat, engagiert er kurzerhand die junge Schauspielerin Cindy für diese „Rolle“. Von da an nehmen die schrägen Entwicklungen ihren Lauf, und es bedarf einiger Raffinessen von Seiten Vivianes, um ihren Gatten wieder zur Räson zu bringen.

Subtiler Humor und tiefgründige Momente

Regisseur Fritz Holy führt das Ensemble sehr präzise durch die Unwägbarkeiten der vier Charaktere und setzt auf subtilen Humor mit tiefgründigen Momenten. Michael Gert beeindruckt als distinguiert-gekränkter Bernard, dessen Eifersucht sich verselbständigt, woraufhin er alle Mühe hat, seine Ehe wieder ins Lot zu bringen. Christine Renhardt überzeugt als lebenskluge Viviane, die ihren Gatten besser kennt als dieser für möglich hält und ihn gekonnt aufs Glatteis führt.

Anna Dangel mimt eine bezaubernd-naive Cindy, die ihren Anteil daran hat, dass die beiden Eheleute wieder zur Vernunft kommen. Dangel meistert zudem bravourös zahlreiche Wortkaskaden, die Cindy – um ihre vermeintliche Weltgewandtheit ins rechte Licht zu rücken – zum Besten gibt. Andreas Roder sorgt als putzwütiger Olivier für heitere Momente: Dieser reagiert entgeistert, als Viviane ihn mit ihren Plänen überrumpelt, spielt jedoch dann seinen „Part“ als deren Liebhaber und stößt Bernard damit vor den Kopf.

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Sehenswertes Baujuwel: Das Stadttheater Grein feiert heuer sein 225-jähriges Bestehen. (Foto: Anja Schmidt)

Erwin Bail hat zwei separate Wohnzimmer auf einer Bühne eingerichtet, eines mit wuchtigem Bücherregal und Schminktisch, das andere mit Schreibtisch und Bücherstapeln. Großartig aufgelöst: die Szene, in der beide Männer sich simultan in getrennten Wohnungen auf demselben Sofa zur Ruhe begeben.

Eine Produktion, die gefällt und darüber hinaus auch die Möglichkeit bietet, das Greiner Stadttheater, das auch Mitglied der Europäischen Route der Historischen Theater ist, im Rahmen von Führungen genauer in Augenschein zu nehmen: Bis 26. Oktober ist das Baujuwel täglich geöffnet (Montag bis Samstag: 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, Sonntag und Feiertag: 14 bis 16 Uhr), Führungen finden zu den hier angegebenen Zeiten statt. Eine kulturhistorische Besonderheit stellen die original erhaltenen Sperrsitze dar, gleichsam eine Vorform des heutigen Theaterabonnements.

„Die Auster“ steht noch bis 28. August auf dem Spielplan der Greiner Sommerspiele: Aufführungen jeweils freitags und samstags um 19 Uhr, sonntags um 17 Uhr.

Weitere Informationen: www.sommerspiele-grein.at

15. Juni 2016
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Theater Center Forum: Turbulenzen rund um die Liebe und eine lebendige Leiche

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Eine Leiche im Hotelzimmer sorgt für Aufruhr (v. l.): Sebastian Kolin, Günter Tolar, Max Spielmann und Bernhard Kölbl

„Außer Kontrolle“ lautet der Titel der Farce aus der Feder von Ray Cooney, die derzeit auf dem Spielplan des Theater Center Forums steht, und der Name des Stücks ist Programm: Ein britischer Staatsminister möchte mit der Sekretärin der Oppositionspartei ein Tête-à-tête in einem Hotel verbringen, gibt aber vor, an einer Regierungssitzung teilzunehmen.

Das Schäferstündchen wird durch die Entdeckung eines regungslosen Körpers im Zimmer vereitelt, und von nun an gilt es, mit tatkräftiger Hilfe des Ministersekretärs, eine Katastrophe nach der anderen zu bewältigen. Immerhin erscheinen nacheinander der indiskrete Hoteldirektor, die argwöhnische Gattin des Ministers, der eifersüchtige Ehemann der Sekretärin und eine energische Krankenschwester auf der Bildfläche.

„Tür-auf-Tür-zu“-Spektakel mit perfektem Timing

„Außer Kontrolle“, uraufgeführt im Jahre 1990 in London, ist ein Glanzstück des Autors und vereinigt wichtige Charakteristika der Bedroom Farce: Die Intention der beiden Protagonisten scheitert an scheinbar zufälligen Geschehnissen, die Handlung ist irrwitzig-überhöht, und etliche Türen spielen eine wichtige Rolle.

Konkret stehen die Zimmertür, die Kastentür und das Fenster (Bühnenbild: Alexander Obernigg) im Blickpunkt des Geschehens, und Regisseur Rochus Millauer ist ein wahres „Tür-auf-Tür-zu“-Spektakel mit perfektem Timing gelungen. Auf der kleinen Bühne entfesselt er den nackten Wahnsinn, der ausbricht, wenn plötzlich Leben in die Leiche zurückkehrt oder der Ministersekretär gleichzeitig die leidenschaftliche Gattin seines Chefs wie auch die in Liebe zu ihm entflammte Pflegerin in Schach halten muss.

Sehr präzise führt Millauer die Figuren von einem Desaster zum nächsten, und das Ensemble, das teilweise unter beachtlichem Körpereinsatz wohl bis zur Schmerzgrenze agiert, gibt sich mit großem Tempo die Klinke der Zimmertür in die Hand.

Es ist eine Wonne, diesem spielfreudigen Ensemble zuzusehen: Sebastian Kolin ringt als Staatsminister in Nöten um Fassung, Sabrina Worsch ist als dessen verhinderte Herzdame vor ihrem eifersüchtigen Ehemann auf der Flucht, Max Spielmann agiert als Sekretär George furios am Rande des Nervenzusammenbruchs, Denise Neckam will als misstrauische Ministergattin Aufklärung in das Chaos bringen, Natascha Shalaby entdeckt als resolute Krankenschwester neue Seiten am Sohn ihrer Patientin, Oliver Roitinger wütet als heißblütiger Ehemann über die Bühne, Bernhard Kölbl verkörpert eine grandios-komische „Leiche“ und last but not least hat Günter Tolar als hilfsbereit-berechnender Hoteldirektor die Lacher auf seiner Seite.

Eine Inszenierung, die großes Vergnügen bereitet und sich auf jeden Fall lohnt anzusehen!

Bis 25. Juni im Theater Center Forum (9., Porzellangasse 50), dienstags bis samstags (Beginn: jeweils 20 Uhr).

Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com

4. Juni 2016
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Theater Center Forum: Acht Frauen und ein Todesfall

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Pierette hat sich verdächtig gemacht: Sandra Pascal (v. l.), Eva-Christina Binder, Irene Marie Weimann, Samantha Steppan, Eva Bruckner und Katharina Köller (Foto: Robert Peres)

Sieben Frauen versammeln sich in einer abgeschiedenen Villa in den Bergen, um gemeinsam das Weihnachtsfest zu feiern. Die vermeintliche Familienidylle trügt, denn der Hausherr liegt tot in seinem Zimmer ermordet mit einem Brieföffner. Eine achte Frau erscheint auf der Bildfläche, der„unerwartete Gast“. Das Haus ist eingeschneit, das Telefonkabel wurde durchgeschnitten. Ein Plot, der frappant an Agatha Christies „Die Mausefalle“ erinnert.

Christoph Prückner hat mit der Kriminalkomödie „8 Frauen“ (Uraufführung: 1961) des französischen Dramatikers Robert Thomas (1927 bis 1989) ein sehr vielschichtiges Stück auf die Bühne des Theater Center Forums gebracht: Vordergründig als klassisches „Whodunit“ angelegt, vereint Prückners Inszenierung eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Genres. Der Krimi mündet in ein psychologisches Drama, hält aber dabei aber immer wieder viele treffsichere Pointen bereit.

Alle anwesenden Frauen hätten ein Motiv gehabt, Marcel zu ermorden. Emotionell und/oder finanziell waren sie alle von ihm abhängig: die Gattin, die beiden Töchter, die Schwester und die Mutter der Dame des Hauses, die beiden Hausangestellten sowie Marcels Schwester. Das Auftreten der Letztgenannten, der weiblichen Verwandtschaft gänzlich unbekannt, bringt neue Dynamik in die Handlung.

Die Situation spitzt sich zu, als das Gittertor der Einfahrt plötzlich zugeschweisst ist von nun an gibt es kein Entkommen. Klar ist auch, dass eine der Anwesenden die Mörderin sein muss, und sogleich beginnt die ältere Tochter ein Verhör.

Rollenklischees, Generationenkonflikte und Rivalitäten

Der Autor handelt über das Beziehungsgeflecht der acht Frauen zueinander viele Themen ab: Rollenklischees, Generationenkonflikte, Rivalitäten unter Schwestern oder etwa die Verbitterung über den eigenen Lebensentwurf.

Die unterschiedlichen Generationen schenken einander nichts, unterschiedliche Weltanschauungen prallen aufeinander. „Wir sind Frauen, wie haben doch keine Ahnung von Geschäften“ meint die Älteste in der Runde. Ihre Enkelin ist mit einem Punk liiert, was zu einem Missverständnis zwischen ihr und der Großmutter führt („Er arbeitet bei einer Bank?“).

Spannungsgeladene Atmosphäre wechselt sich oftmals mit komödienhaften Szenen ab, der Plot nimmt immer wieder unerwartete Wendungen. Den acht Darstellerinnen gelingt eine beachtliche Ensembleleistung: Eva Bruckner verkörpert eine mondäne, herablassende Hausherrin Gaby, Irene Marie Weimann spielt ihre selbstbewusste ältere Tochter Susanne, die sofort nach Auffinden der Leiche den Ton angibt. Samantha Steppan mimt glaubhaft die jüngere Tochter Catherine, die sich von ihrer Umgebung unverstanden fühlt und Zuflucht in blutrünstiger Literatur sucht.

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Resolute Großmutter, pflichtgetreue Haushälterin: Susanne Pichler (l.) und Lotte Loebenstein (Foto: Robert Peres)

Susanne Pichler versäumt als Gabys resolute Mutter keine Gelegenheit, den jüngeren Generationen gutgemeinte Ratschläge zu erteilen, Eva-Christina Binder spielt Gabys verhärmte Schwester, die sich um ein erfülltes Leben betrogen fühlt. Binder besticht durch eine sehr beklemmende Körpersprache, sorgt aber als hypochondrisch veranlagte Augustine auch für amüsante Momente.

Lotte Loebenstein ist die pflichtgetreue Haushälterin Madame Chanel, die sich ihrer Stellung im Haus bestens bewusst ist, und die ältere Tochter des Hauses immer noch wie ein Kind behandelt. Sandra Pascal verkörpert unsentimental das Dienstmädchen Louise auf der Suche nach einem besseren Leben, das sie sich bei ihren Arbeitgebern erhofft hat.

Einen starken Auftritt liefert auch Katharina Köller als lebhaft-quirrlige Pierrette: Mit einem Stöckelschuh bewaffnet, verschafft sie sich Zutritt zum Haus ihres Bruders und zieht den Argwohn der Familie auf sich.

Das Bühnenbild von Erwin Bail stellt das Schlafzimmer des Opfers auf ein Podest und rückt es ins Zentrum des Blickfelds. Spannung entsteht durch raffinierte Licht- und Schatteneffekte (Licht und Technik: Benjamin Lichtenberg), etwa wenn sich die Tür unheilvoll zum Tatort öffnet. Das Wohnzimmer wartet mit unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten auf, zwei weitere Türen ermöglichen Auftritte und Abgänge.

Auch wer François Ozons Verfilmung bereits kennt (der französische Regisseur brachte das Stück mit u. a. Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Fanny Ardant und Ludivine Sagnier im Jahr 2002 als relativ freie Bearbeitung auf die Leinwand), wird durch diese Produktion wohl noch neue Aspekte des Stoffes entdecken.

Bis 14. Juni im Theater Center Forum (9., Porzellangasse 50), dienstags bis samstags (Beginn: jeweils 19.30 Uhr). Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com

26. Mai 2016
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Komödie am Kai: Warum der Papst in der Küche Kartoffeln schält

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Familie Leibowitz mit ihrem „Gast“ beim Essen (v. l.): Katja Hauser, Rudi Larsen, Leonie Reiss, Bruno Thost und Marius Zernatto (Foto: Komödie am Kai)

Ein zeitlos aktuelles Stück aus der Feder von João Bethencourt steht derzeit als Gastspielproduktion von Bruno Thost auf dem Spielplan der Komödie am Kai.

Bethencourts warmherzige Komödie „Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ (Uraufführung: 1972 in Rio de Janeiro) ist eine wunderbare Utopie, wie es wäre, wenn die Menschen auch nur für einen Tag weltweit friedlich miteinander zusammenlebten.

Sein Stück hat Bethencourt (geboren 1924 in Budapest, verstorben in Rio de Janeiro 2006), im Jahre 1967 angesiedelt. Der Autor verpackt seine Vision in einen höchst kuriosen Plot, der in New York spielt: Der jüdische Taxifahrer Samuel Leibowitz entführt kurzerhand den Papst, als dieser zufällig in Samuels Wagen steigt. Der unerwartete „Gast“ wird umgehend in die koschere Speisekammer des Hauses Leibowitz gesperrt, wo er anfangs noch für Onkel Harry aus Chicago gehalten wird.

Im Nu weiß die ganze völlig fassungslose Familie Bescheid, und auch Rabbi Meyer, ein Onkel von Samuel, hat die Situation durchschaut. Klar ist auch, dass ein besonders hohes „Lösegeld“ gefordert werden muss allerdings nicht in monetärer Hinsicht, sondern in Form eines 24 Stunden währenden Weltfriedens.

Samuel hat dabei aber die Rechnung ohne Rabbi Meyer gemacht: Der verrät das Versteck des Papstes, und sogleich wird das Haus der Familie Leibowitz von Einsatzkräften belagert.

Ein Topf guter Suppe hält die Familie zusammen

Eine turbulente Handlung erfordert eine ebensolche Umsetzung, und diese ist Regisseurin Katja Hauser meisterlich gelungen. Sie selbst spielt Sara, Samuels Frau, die erst völlig fassungslos über die Untat ihres Gatten ist, um dann kurze Zeit später mit dem Papst gemütlich in der Küche zu sitzen. Hauser schafft die rührende Darstellung einer Mutter, die ihre Familie mit einem Topf guter Suppe zusammenhält und ihren Mann selbstbewusst zur Räson bringt, aber dennoch zu ihm steht.

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Rabbi Meyer (Josef Pechhacker) hat das Geheimnis entdeckt (im Bild: mit Rudi Larsen und Leonie Reiss). Foto: Komödie am Kai

Rudi Larsen spielt den überdrehten Taxifahrer, der über seine eigene Courage erschrickt, dann aber zur Höchstform aufläuft, um sein umstelltes Haus zu verteidigen. In witzig-absurden Szenen kommandiert der Ex-Sprengmeister seinen Sohn beide haben sich militärisch adjustiert (lustiger Regieeinfall: Der Sohn hat sich einen Kochtopf auf den Kopf geschnallt) durch das sich zuspitzende Geschehen.

Leonie Reiss und Marius Zernatto wirbeln als Tochter Miriam und Sohn Irving über die Bühne. Reiss überzeugt mit einer liebenswerten Darstellung der Tochter des Hauses, die sich auf Anhieb mit dem „Gast“ versteht, Zernatto sorgt für sehr viel Schwung auf der Bühne, wenn er zwischen seinem Vater im Haus und der Polizei vor der Tür vermittelt.

Ein Geschenk zum 80er: Bruno Thost als gütiger Papst

Als Papst brilliert Bruno Thost, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte. Die fiktive Figur wurde dem realen Papst Paul VI. nachempfunden, der im Jahre 1967 den Weltfriedenstag einführte. Thost gibt ein gütigen, verbindenden Heiligen Vater, der seiner „Gastgeberin“ beim Kartoffelschälen hilft und mit Rabbi Meyer Schach spielt. Beim Abschied von seinen neugewonnen Freunden erhält das Kirchenoberhaupt sogar eine Gurke aus dem familieneigenen Garten.

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Marius Zernatto und Rudi Larsen als Sohn und Vater verteidigen das Haus mit schwerem Geschütz. (Foto: Komödie am Kai)

Josef Pechhacker mimt einen mit allen Wassern gewaschenen Rabbi, der weil er aus seinem Wissensvorsprung kein Hehl macht eine kalte Dusche abbekommt, Franz Becke ist ein strenger Kardinal, der den Papst befreien will, um am Ende feststellen zu müssen, dass sich die Welt gerade ein wenig verbessert hat.

Hausers temporeiche Inszenierung findet in einem sehr detailreich und im Retro-Chic (auffällig: Kühlschrank und Fernseher) gestalteten Bühnenbild von Siegbert Zivny ihren Platz, als Blickfang schmücken Kinderzeichnungen die Wände. Ebenfalls in die 60er passend: die stilvollen Kostüme von Jenny Thost.

„Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ ist noch bis 18. Juni in der Komödie am Kai, dienstags bis samstags (Beginn: 20.15 Uhr), zu sehen.

Weitere Informationen: www.komoedieamkai.at

23. Mai 2016
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„Die Drei von der Zweigstelle“: Virtuoses Pointen-Ping-Pong im Theater Center Forum

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Üben sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer das Geld verspekuliert haben könnte: Oliver Hebeler als Filialleiter und Eva Christina Binder als seine Stellvertreterin (Foto: Oliver Hebeler)

Ein Thema, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleiben könnte: Schon wieder ist eine Bank pleite!

Und zwar die kleine Filiale der Ring-Bank in Maria Leiten, deren ganzes Geld verspekuliert wurde. Aber von wem? In Frage kommen nur: der Filialleiter, Franz Terczek, sowie seine Stellvertreterin, Mag. Klara Oswald.

Zwischen beiden entspinnen sich heftige Wortgefechte, eine Schuldzuweisung jagt die andere. Die Ausgangssituation der Burleske „Die Drei von der Zweigstelle“ von Joesi Prokopetz und Fritz Schindlecker, die derzeit als Uraufführung im Theater Center Forum auf dem Spielplan steht, spiegelt die Nachrichtenlage der Finanzwelt der letzten Jahre wider.

Ein mysteriöser schwarzer Koffer kommt ins Spiel

Terczek und Oswald könnten unterschiedlicher nicht sein: er ein ehemaliger Banklehrling, der sich zielstrebig zum Zweigstellenleiter emporgearbeitet hat, sie eine besserwisserische Wirtschaftsakademikerin, die großen Wert auf die gegenderte Version ihres akademischen Titels legt. Zu den beiden gesellt sich die ungarische Reinigungskraft Jonia Belushi, die die Nerven ihrer Kollegen mit allerlei Sinnsprüchen aus ihrer Heimat über Gebühr strapaziert.

Guter Rat ist nun teuer, wenn es gilt, die Kunden, die ihr Geld abheben wollen, mit wohlüberlegten Ausreden abzufertigen. Die Lage spitzt sich zu, als ein schwarzer Koffer ins Spiel kommt, und ab da werden die Karten neu gemischt…

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Doris P. Kofler (mit Oliver Hebeler) als Nagelstudio-Besitzerin Nancy Hinterkerner, die zum Gefallen der Bankmitarbeiter Geld nicht abheben, sondern einzahlen möchte. (Foto: Oliver Hebeler)

Prokopetz und Schindlecker servieren dem Publikum messerscharf geschliffene Pointen, die vom Ensemble fabelhaft umgesetzt werden. Regisseur Oliver Hebeler, der auch den Filialleiter verkörpert, setzt auf flotte Wortduelle das Timing sitzt perfekt, und die Spielfreude ist allen vier Mitwirkenden deutlich anzumerken.

Hebeler mimt mit sehr viel Witz einen chaotisch-überforderten Filialleiter, der sich offenkundig weder mit Zahlen noch mit Fremdwörtern besonders gut auskennt. Für viele Lacher sorgt die Szene, in der die Besitzerin eines Nagelstudios eine Summe auf ihr Konto überweisen möchte, und Terczek zwecks Addition der Beträge den Abakus auf seinem Schreibtisch heranzieht.

Die Pointen fliegen hin und her

Eva Christina Binder stellt eine toughe, schlagfertige Bankangestellte dar, die ihren Chef nur allzu gerne kompromittiert, um ihm ihre akademische Überlegenheit beweisen zu können. Binder und Hebeler sind virtuos aufeinander eingespielt, und die Pointen fliegen hin und her.

Alle Facetten ihres komödiantischen Talents darf Doris P. Kofler ausspielen: Als oben erwähnte ungarische Putzfrau (einmal im Wildkatzen-Look, ein anderes Mal im bunten Dschungel-Outfit), als Nagelstudio-Besitzerin, die „Nails mit Köpfchen“ macht, als Polizistin, die bei ihren Amtshandlungen oftmals mit dem Amtsdeutsch in Konflikt gerät, sowie als eifersüchtige Frau Terczek alle Figuren sind grundverschieden, werden aber gleichermaßen vergnüglich mit Leben erfüllt.

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Victor Weiss fegt als Rächer der Enterbten über die Bühne. (Foto: Oliver Hebeler)

Auch Victor Weiss schlüpft gleich in mehrere Rollen und glänzt als entrückter Historiker in Geldnöten, als aufgebrachter Stammkunde, der sich in breitem steirischen Dialekt echauffiert, sowie als Pfarrer, der sich über einen Geldsegen für eine neue Orgel (Vetternwirtschaft!) freuen darf. Auch als Rächer der Enterbten fegt Weiss über die Bühne und hat die Lacher auf seiner Seite.

Die kleine Bühne des Theater Center Forums II wurde bis ins Detail liebevoll gestaltet, auch die Requisiten von Doris P. Kofler, die ebenso für die Kostüme verantwortlich zeichnet, ziehen die Blicke auf sich: Dreierlei Erfrischungsgetränke, eines davon in ungesund anmutendem Blau, stehen auf dem Tisch der Wirtschafts-Magistra, die mit einer rosafarbenen Tragtasche einer Konditoreikette das Geschehen betritt.

Wer die gelungene Inszenierung noch sehen möchte, sollte sich beeilen: „Die Drei von der Zweigstelle“ wird nur mehr bis 25. Mai im Theater Center Forum, Porzellangasse 50, gespielt (Beginn: 20 Uhr).

Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com

12. Mai 2016
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Kurz gebloggt: Rendezvous mit Hermann Leopoldi und Helly Möslein in der Freien Bühne Wieden

Heute eine Kurz-Kritik, abseits der Anja Schmidt – Kultur-Schatulle: Gestern habe ich der Freien Bühne Wieden einen Besuch abgestattet, um dort einen wunderbaren Abend im Zeichen des wienerischen Chansons zu verbringen. „Ach, Sie sind mir so bekannt!“ nennt sich das Programm (Buch und Regie: Gerald Szyszkowitz), in dem Susanne Marik, großartig begleitet von Béla Fischer am Klavier, einen Streifzug durch das Werk des Wiener Komponisten (1888 bis 1959) unternimmt.

Marik verkörpert im ersten Teil des Abends die junge, frischverliebte Helly Möslein, im zweiten Teil schildert sie Fakten aus Leopoldis Leben (im KZ Buchenwald komponierte er zum Text von Fritz Löhner-Beda das „Buchenwaldlied“) und erzählt vom Neuanfang des unverbesserlichen Optimisten in den USA.

Marik reißt das Publikum vom ersten Augenblick an mit und sorgt für unterhaltsame, aber auch nachdenkliche Momente. Die vielen bekannten Lieder wie „Schnucki, ach Schnucki“, „In einem kleinen Café in Hernals“ oder „I bin a stiller Zecher“ dürfen da keinesfalls fehlen, und die Begeisterung im Saal ist perfekt, wenn das Publikum zum Abschluss noch bei „Schön ist so ein Ringelspiel“ aus vollen Kehlen mitsingt. Ein berührender Abend!

Morgen (13. 5.) noch um 19.30 Uhr in der Freie Bühne Wieden.

25. April 2016
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Theater Experiment: Heiter-philosophische Diskurse unter weiß-blauem Himmel

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Ein geniales Himmelstrio: Erwin Bail als Petrus, Fritz Wickenhauser als Gott und Gertraud Frey als Magdalena (Foto: Rolf Bock)

Walter Hasenclevers Komödie „Ehen werden im Himmel geschlossen“ hat Gertraud Frey für das Theater Experiment, das heuer sein 60-jähriges Bestehen feiert, stimmungsvoll auf dessen Bühne gebracht. Dabei greift die Gattung „Komödie“ doch fast ein wenig zu kurz: Hasenclever handelt substanzielle Themen wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit, basierend auf den Konventionen seiner Zeit (das Stück wurde im Jahre 1928 uraufgeführt), auf heiter-philosophische Weise ab.

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Stefanie Elias und Tobias Reinthaller als Renée und Tonio, die eine zweite Chance erhalten und auf die Erde zurückkehren dürfen (Foto: Rolf Bock)

Mit seinem Vierakter erntete Hasenclever großen Erfolg, sah sich jedoch mit einer Anzeige wegen Gotteslästerung konfrontiert. In seiner Komödie lässt Hasenclever ein himmlisches Team Gott, Petrus und Magdalena für Ordnung im Paradies sorgen. Der Schöpfer, der nur mehr seine Ruhe vor den unberechenbaren Menschen haben will und endlich in Pension gehen möchte, wird von Magdalena überredet, drei Selbstmördern einer Frau und zwei Männern, die wegen Liebeskummer aus dem Leben geschieden sind eine zweite Chance zu geben. Allerdings rechnen weder Gott noch die beiden Heiligen mit den Gemütsbewegungen der drei Individuen…

Frey inszeniert mit viel Witz und Scharfblick für Pointen. Als charmant-lebenslustige Magdalena zieht sie die Fäden hinter den Kulissen und sorgt dafür, dass die drei Ankömmlinge, nachdem sie den Schöpfer von ihren Plänen überzeugen konnte, in neuen Konstellationen wieder auf die Erde zurückgesandt werden. Wunderbar besetzt sind auch ihre beiden Mitstreiter: Fritz Wickenhauser als verständnisvoller Himmelsvater, der sich nach einigem Bedenken auf das Wagnis einlässt, und Erwin Bail als penibler Petrus, der sich gerne an seine Vorschriften hält, sorgen für subtilen Humor.

Junge Talente zeigen alle Facetten ihres Könnens

Bekannt ist das „Experiment“ auch dafür, immer wieder jungen Talenten, die alle Facetten ihres Könnens ausspielen dürfen, eine Bühne zu bieten: Stefanie Elias ist eine bezaubernde Rénee, einmal kokett, ein anderes Mal den Wirrnissen eines harten Alltags ausgeliefert, sowie Tobias Reinthaller als Tonio, der zwischen Liebenswürdigkeit und Eifersucht changieren darf.

Konrad Lusenberger als Felix und Dritter im Bunde, der den Rückweg auf die Erde antreten darf, ist zuerst ein vordergründig gelassener Ehemann, später ein hitzköpfiger Nebenbuhler. Köstlich, im „Jenseits“ agierend: Andrea Schwent als kecke Zofe im Engelskostüm.

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Konrad Lusenberger (l.) und Tobias Reinthaller stranden als Felix und Tonio nach einer Autopanne. (Foto: Rolf Bock)

Sehr geschmackvolle Kostüme, der Entstehungszeit des Stückes angepasst, hat Barbara Langbein für das gesamte Ensemble entworfen. Ein Glanzstück für sich ist das Bühnenbild von Erwin Bail: Auf der kleinen Bühne des Theaters hat er gleichsam zwei Ebenen, durch einen Vorhang getrennt, aufgebaut. Auf einem Podest agiert das himmlische Team, dem blauen Himmel mit weißen Wolken greifbar nahe, in einem gemütlich arrangierten Paradies mit biedermeierlich anmutenden Möbeln, einem Frisiertisch, Radio und Mokka-Service. Auf der unteren „Etage“ spielt sich das weltliche Geschehen ab, großartig gelungen ist Bails stilisierte Holzkonstruktion eines Autos.

Das überraschende, pointierte Ende wird hier natürlich nicht verraten – wer sich Hasenclevers kluge Lebensbetrachtungen anschauen möchte, hat noch bis 7. Mai dazu Gelegenheit. Gespielt wird im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132) dienstags bis samstags, Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com