Kultur Schatulle

Kultur-Schätze aus Wien und München

26. Mai 2016
von Anja Schmidt
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Komödie am Kai: Warum der Papst in der Küche Kartoffeln schält

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Familie Leibowitz mit ihrem „Gast“ beim Essen (v. l.): Katja Hauser, Rudi Larsen, Leonie Reiss, Bruno Thost und Marius Zernatto (Foto: Komödie am Kai)

Ein zeitlos aktuelles Stück aus der Feder von João Bethencourt steht derzeit als Gastspielproduktion von Bruno Thost auf dem Spielplan der Komödie am Kai.

Bethencourts warmherzige Komödie „Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ (Uraufführung: 1972 in Rio de Janeiro) ist eine wunderbare Utopie, wie es wäre, wenn die Menschen auch nur für einen Tag weltweit friedlich miteinander zusammenlebten.

Sein Stück hat Bethencourt (geboren 1924 in Budapest, verstorben in Rio de Janeiro 2006), im Jahre 1967 angesiedelt. Der Autor verpackt seine Vision in einen höchst kuriosen Plot, der in New York spielt: Der jüdische Taxifahrer Samuel Leibowitz entführt kurzerhand den Papst, als dieser zufällig in Samuels Wagen steigt. Der unerwartete „Gast“ wird umgehend in die koschere Speisekammer des Hauses Leibowitz gesperrt, wo er anfangs noch für Onkel Harry aus Chicago gehalten wird.

Im Nu weiß die ganze völlig fassungslose Familie Bescheid, und auch Rabbi Meyer, ein Onkel von Samuel, hat die Situation durchschaut. Klar ist auch, dass ein besonders hohes „Lösegeld“ gefordert werden muss allerdings nicht in monetärer Hinsicht, sondern in Form eines 24 Stunden währenden Weltfriedens.

Samuel hat dabei aber die Rechnung ohne Rabbi Meyer gemacht: Der verrät das Versteck des Papstes, und sogleich wird das Haus der Familie Leibowitz von Einsatzkräften belagert.

Ein Topf guter Suppe hält die Familie zusammen

Eine turbulente Handlung erfordert eine ebensolche Umsetzung, und diese ist Regisseurin Katja Hauser meisterlich gelungen. Sie selbst spielt Sara, Samuels Frau, die erst völlig fassungslos über die Untat ihres Gatten ist, um dann kurze Zeit später mit dem Papst gemütlich in der Küche zu sitzen. Hauser schafft die rührende Darstellung einer Mutter, die ihre Familie mit einem Topf guter Suppe zusammenhält und ihren Mann selbstbewusst zur Räson bringt, aber dennoch zu ihm steht.

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Rabbi Meyer (Josef Pechhacker) hat das Geheimnis entdeckt (im Bild: mit Rudi Larsen und Leonie Reiss). Foto: Komödie am Kai

Rudi Larsen spielt den überdrehten Taxifahrer, der über seine eigene Courage erschrickt, dann aber zur Höchstform aufläuft, um sein umstelltes Haus zu verteidigen. In witzig-absurden Szenen kommandiert der Ex-Sprengmeister seinen Sohn beide haben sich militärisch adjustiert (lustiger Regieeinfall: Der Sohn hat sich einen Kochtopf auf den Kopf geschnallt) durch das sich zuspitzende Geschehen.

Leonie Reiss und Marius Zernatto wirbeln als Tochter Miriam und Sohn Irving über die Bühne. Reiss überzeugt mit einer liebenswerten Darstellung der Tochter des Hauses, die sich auf Anhieb mit dem „Gast“ versteht, Zernatto sorgt für sehr viel Schwung auf der Bühne, wenn er zwischen seinem Vater im Haus und der Polizei vor der Tür vermittelt.

Ein Geschenk zum 80er: Bruno Thost als gütiger Papst

Als Papst brilliert Bruno Thost, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte. Die fiktive Figur wurde dem realen Papst Paul VI. nachempfunden, der im Jahre 1967 den Weltfriedenstag einführte. Thost gibt ein gütigen, verbindenden Heiligen Vater, der seiner „Gastgeberin“ beim Kartoffelschälen hilft und mit Rabbi Meyer Schach spielt. Beim Abschied von seinen neugewonnen Freunden erhält das Kirchenoberhaupt sogar eine Gurke aus dem familieneigenen Garten.

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Marius Zernatto und Rudi Larsen als Sohn und Vater verteidigen das Haus mit schwerem Geschütz. (Foto: Komödie am Kai)

Josef Pechhacker mimt einen mit allen Wassern gewaschenen Rabbi, der weil er aus seinem Wissensvorsprung kein Hehl macht eine kalte Dusche abbekommt, Franz Becke ist ein strenger Kardinal, der den Papst befreien will, um am Ende feststellen zu müssen, dass sich die Welt gerade ein wenig verbessert hat.

Hausers temporeiche Inszenierung findet in einem sehr detailreich und im Retro-Chic (auffällig: Kühlschrank und Fernseher) gestalteten Bühnenbild von Siegbert Zivny ihren Platz, als Blickfang schmücken Kinderzeichnungen die Wände. Ebenfalls in die 60er passend: die stilvollen Kostüme von Jenny Thost.

„Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde“ ist noch bis 18. Juni in der Komödie am Kai, dienstags bis samstags (Beginn: 20.15 Uhr), zu sehen.

Weitere Informationen: www.komoedieamkai.at

23. Mai 2016
von Anja Schmidt
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„Die Drei von der Zweigstelle“: Virtuoses Pointen-Ping-Pong im Theater Center Forum

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Üben sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer das Geld verspekuliert haben könnte: Oliver Hebeler als Filialleiter und Eva Christina Binder als seine Stellvertreterin (Foto: Oliver Hebeler)

Ein Thema, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleiben könnte: Schon wieder ist eine Bank pleite!

Und zwar die kleine Filiale der Ring-Bank in Maria Leiten, deren ganzes Geld verspekuliert wurde. Aber von wem? In Frage kommen nur: der Filialleiter, Franz Terczek, sowie seine Stellvertreterin, Mag. Klara Oswald.

Zwischen beiden entspinnen sich heftige Wortgefechte, eine Schuldzuweisung jagt die andere. Die Ausgangssituation der Burleske „Die Drei von der Zweigstelle“ von Joesi Prokopetz und Fritz Schindlecker, die derzeit als Uraufführung im Theater Center Forum auf dem Spielplan steht, spiegelt die Nachrichtenlage der Finanzwelt der letzten Jahre wider.

Ein mysteriöser schwarzer Koffer kommt ins Spiel

Terczek und Oswald könnten unterschiedlicher nicht sein: er ein ehemaliger Banklehrling, der sich zielstrebig zum Zweigstellenleiter emporgearbeitet hat, sie eine besserwisserische Wirtschaftsakademikerin, die großen Wert auf die gegenderte Version ihres akademischen Titels legt. Zu den beiden gesellt sich die ungarische Reinigungskraft Jonia Belushi, die die Nerven ihrer Kollegen mit allerlei Sinnsprüchen aus ihrer Heimat über Gebühr strapaziert.

Guter Rat ist nun teuer, wenn es gilt, die Kunden, die ihr Geld abheben wollen, mit wohlüberlegten Ausreden abzufertigen. Die Lage spitzt sich zu, als ein schwarzer Koffer ins Spiel kommt, und ab da werden die Karten neu gemischt…

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Doris P. Kofler (mit Oliver Hebeler) als Nagelstudio-Besitzerin Nancy Hinterkerner, die zum Gefallen der Bankmitarbeiter Geld nicht abheben, sondern einzahlen möchte. (Foto: Oliver Hebeler)

Prokopetz und Schindlecker servieren dem Publikum messerscharf geschliffene Pointen, die vom Ensemble fabelhaft umgesetzt werden. Regisseur Oliver Hebeler, der auch den Filialleiter verkörpert, setzt auf flotte Wortduelle das Timing sitzt perfekt, und die Spielfreude ist allen vier Mitwirkenden deutlich anzumerken.

Hebeler mimt mit sehr viel Witz einen chaotisch-überforderten Filialleiter, der sich offenkundig weder mit Zahlen noch mit Fremdwörtern besonders gut auskennt. Für viele Lacher sorgt die Szene, in der die Besitzerin eines Nagelstudios eine Summe auf ihr Konto überweisen möchte, und Terczek zwecks Addition der Beträge den Abakus auf seinem Schreibtisch heranzieht.

Die Pointen fliegen hin und her

Eva Christina Binder stellt eine toughe, schlagfertige Bankangestellte dar, die ihren Chef nur allzu gerne kompromittiert, um ihm ihre akademische Überlegenheit beweisen zu können. Binder und Hebeler sind virtuos aufeinander eingespielt, und die Pointen fliegen hin und her.

Alle Facetten ihres komödiantischen Talents darf Doris P. Kofler ausspielen: Als oben erwähnte ungarische Putzfrau (einmal im Wildkatzen-Look, ein anderes Mal im bunten Dschungel-Outfit), als Nagelstudio-Besitzerin, die „Nails mit Köpfchen“ macht, als Polizistin, die bei ihren Amtshandlungen oftmals mit dem Amtsdeutsch in Konflikt gerät, sowie als eifersüchtige Frau Terczek alle Figuren sind grundverschieden, werden aber gleichermaßen vergnüglich mit Leben erfüllt.

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Victor Weiss fegt als Rächer der Enterbten über die Bühne. (Foto: Oliver Hebeler)

Auch Victor Weiss schlüpft gleich in mehrere Rollen und glänzt als entrückter Historiker in Geldnöten, als aufgebrachter Stammkunde, der sich in breitem steirischen Dialekt echauffiert, sowie als Pfarrer, der sich über einen Geldsegen für eine neue Orgel (Vetternwirtschaft!) freuen darf. Auch als Rächer der Enterbten fegt Weiss über die Bühne und hat die Lacher auf seiner Seite.

Die kleine Bühne des Theater Center Forums II wurde bis ins Detail liebevoll gestaltet, auch die Requisiten von Doris P. Kofler, die ebenso für die Kostüme verantwortlich zeichnet, ziehen die Blicke auf sich: Dreierlei Erfrischungsgetränke, eines davon in ungesund anmutendem Blau, stehen auf dem Tisch der Wirtschafts-Magistra, die mit einer rosafarbenen Tragtasche einer Konditoreikette das Geschehen betritt.

Wer die gelungene Inszenierung noch sehen möchte, sollte sich beeilen: „Die Drei von der Zweigstelle“ wird nur mehr bis 25. Mai im Theater Center Forum, Porzellangasse 50, gespielt (Beginn: 20 Uhr).

Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com

12. Mai 2016
von Anja Schmidt
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Kurz gebloggt: Rendezvous mit Hermann Leopoldi und Helly Möslein in der Freien Bühne Wieden

Heute eine Kurz-Kritik, abseits der Anja Schmidt – Kultur-Schatulle: Gestern habe ich der Freien Bühne Wieden einen Besuch abgestattet, um dort einen wunderbaren Abend im Zeichen des wienerischen Chansons zu verbringen. „Ach, Sie sind mir so bekannt!“ nennt sich das Programm (Buch und Regie: Gerald Szyszkowitz), in dem Susanne Marik, großartig begleitet von Béla Fischer am Klavier, einen Streifzug durch das Werk des Wiener Komponisten (1888 bis 1959) unternimmt.

Marik verkörpert im ersten Teil des Abends die junge, frischverliebte Helly Möslein, im zweiten Teil schildert sie Fakten aus Leopoldis Leben (im KZ Buchenwald komponierte er zum Text von Fritz Löhner-Beda das „Buchenwaldlied“) und erzählt vom Neuanfang des unverbesserlichen Optimisten in den USA.

Marik reißt das Publikum vom ersten Augenblick an mit und sorgt für unterhaltsame, aber auch nachdenkliche Momente. Die vielen bekannten Lieder wie „Schnucki, ach Schnucki“, „In einem kleinen Café in Hernals“ oder „I bin a stiller Zecher“ dürfen da keinesfalls fehlen, und die Begeisterung im Saal ist perfekt, wenn das Publikum zum Abschluss noch bei „Schön ist so ein Ringelspiel“ aus vollen Kehlen mitsingt. Ein berührender Abend!

Morgen (13. 5.) noch um 19.30 Uhr in der Freie Bühne Wieden.

25. April 2016
von Anja Schmidt
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Theater Experiment: Heiter-philosophische Diskurse unter weiß-blauem Himmel

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Ein geniales Himmelstrio: Erwin Bail als Petrus, Fritz Wickenhauser als Gott und Gertraud Frey als Magdalena (Foto: Rolf Bock)

Walter Hasenclevers Komödie „Ehen werden im Himmel geschlossen“ hat Gertraud Frey für das Theater Experiment, das heuer sein 60-jähriges Bestehen feiert, stimmungsvoll auf dessen Bühne gebracht. Dabei greift die Gattung „Komödie“ doch fast ein wenig zu kurz: Hasenclever handelt substanzielle Themen wie Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit, basierend auf den Konventionen seiner Zeit (das Stück wurde im Jahre 1928 uraufgeführt), auf heiter-philosophische Weise ab.

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Stefanie Elias und Tobias Reinthaller als Renée und Tonio, die eine zweite Chance erhalten und auf die Erde zurückkehren dürfen (Foto: Rolf Bock)

Mit seinem Vierakter erntete Hasenclever großen Erfolg, sah sich jedoch mit einer Anzeige wegen Gotteslästerung konfrontiert. In seiner Komödie lässt Hasenclever ein himmlisches Team Gott, Petrus und Magdalena für Ordnung im Paradies sorgen. Der Schöpfer, der nur mehr seine Ruhe vor den unberechenbaren Menschen haben will und endlich in Pension gehen möchte, wird von Magdalena überredet, drei Selbstmördern einer Frau und zwei Männern, die wegen Liebeskummer aus dem Leben geschieden sind eine zweite Chance zu geben. Allerdings rechnen weder Gott noch die beiden Heiligen mit den Gemütsbewegungen der drei Individuen…

Frey inszeniert mit viel Witz und Scharfblick für Pointen. Als charmant-lebenslustige Magdalena zieht sie die Fäden hinter den Kulissen und sorgt dafür, dass die drei Ankömmlinge, nachdem sie den Schöpfer von ihren Plänen überzeugen konnte, in neuen Konstellationen wieder auf die Erde zurückgesandt werden. Wunderbar besetzt sind auch ihre beiden Mitstreiter: Fritz Wickenhauser als verständnisvoller Himmelsvater, der sich nach einigem Bedenken auf das Wagnis einlässt, und Erwin Bail als penibler Petrus, der sich gerne an seine Vorschriften hält, sorgen für subtilen Humor.

Junge Talente zeigen alle Facetten ihres Könnens

Bekannt ist das „Experiment“ auch dafür, immer wieder jungen Talenten, die alle Facetten ihres Könnens ausspielen dürfen, eine Bühne zu bieten: Stefanie Elias ist eine bezaubernde Rénee, einmal kokett, ein anderes Mal den Wirrnissen eines harten Alltags ausgeliefert, sowie Tobias Reinthaller als Tonio, der zwischen Liebenswürdigkeit und Eifersucht changieren darf.

Konrad Lusenberger als Felix und Dritter im Bunde, der den Rückweg auf die Erde antreten darf, ist zuerst ein vordergründig gelassener Ehemann, später ein hitzköpfiger Nebenbuhler. Köstlich, im „Jenseits“ agierend: Andrea Schwent als kecke Zofe im Engelskostüm.

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Konrad Lusenberger (l.) und Tobias Reinthaller stranden als Felix und Tonio nach einer Autopanne. (Foto: Rolf Bock)

Sehr geschmackvolle Kostüme, der Entstehungszeit des Stückes angepasst, hat Barbara Langbein für das gesamte Ensemble entworfen. Ein Glanzstück für sich ist das Bühnenbild von Erwin Bail: Auf der kleinen Bühne des Theaters hat er gleichsam zwei Ebenen, durch einen Vorhang getrennt, aufgebaut. Auf einem Podest agiert das himmlische Team, dem blauen Himmel mit weißen Wolken greifbar nahe, in einem gemütlich arrangierten Paradies mit biedermeierlich anmutenden Möbeln, einem Frisiertisch, Radio und Mokka-Service. Auf der unteren „Etage“ spielt sich das weltliche Geschehen ab, großartig gelungen ist Bails stilisierte Holzkonstruktion eines Autos.

Das überraschende, pointierte Ende wird hier natürlich nicht verraten – wer sich Hasenclevers kluge Lebensbetrachtungen anschauen möchte, hat noch bis 7. Mai dazu Gelegenheit. Gespielt wird im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132) dienstags bis samstags, Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com

19. April 2016
von Anja Schmidt
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Freie Bühne Wieden: Verhängnisvolles Ende einer Männerfreundschaft

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Aus innigen Freunden werden erbitterte Kontrahenten: Philipp Limbach (l.) als Thomas Becket und Marcus Strahl als König Heinrich II. (Foto: Rolf Bock)

Welch Mammutprojekt Michaela Ehrenstein mit der Inszenierung von Jean Anouilhs „Becket oder Die Ehre Gottes“ auf die Bühne ihres Hauses gehievt hat, ist für die  Zuschauerin wohl nur erahnbar. Tatsache ist, dass das in Wien selten aufgeführte Stück – die Uraufführung fand im Jahre 1959 im Théâtre Montparnasse in Paris statt – mit nicht weniger als 18 Schauspielern (eigentlich 19, da die Rolle des Papstes doppelt besetzt wurde) in einer zeitlos aktuellen Umsetzung in der Freien Bühne Wien gezeigt wird.

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„Die Ehre Gottes ist etwas Unbequemes“: Reinhard Hauser (König Ludwig von Frankreich) mit Philipp Limbach (Foto: Rolf Bock)

Regisseurin Ehrenstein setzt ganz auf die Stärke und Wirkung des Textes (Übersetzung: Franz Geiger), der episodenhaft die Freundschaft zwischen dem normannischen König Heinrich II. (Marcus Strahl) und seinem Berater Thomas Becket (Philipp Limbach) sowie deren verhängnisvolles Ende veranschaulicht.

Der vermeintlich kluge Schachzug Heinrichs, seinen engen Vertrauten zum Kanzler und später auch zum Erzbischof von Canterbury zu machen, um die eigene Macht zu stärken und jene der Kirche zu schwächen, misslingt auf der ganzen Linie. Becket emanzipiert sich von den Vorstellungen des einstigen Freundes und entwickelt sich zum kompromisslosen Gottesmann.

Szenen inniger Männerfreundschaft geraten im Verlauf des Stückes zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen zwei erbitterten Kontrahenten. „Die Ehre Gottes ist etwas Unbequemes“, meint etwa der französische König Ludwig zu Becket, der bei diesem um Asyl ansucht. Becket aber verfolgt seine Ziele beharrlich weiter, weil er den unbequemen Weg gehen will. Aus Enttäuschung über die brüske Missachtung seiner freundschaftlichen Gefühle lässt Heinrich seinen einstigen Freund schließlich ermorden.

Gekränkter Machtmensch, kompromissloser Gottesmann

Ehrenstein bespielt nicht nur die Bühne, sondern nutzt zeitweilig auch den Zuschauerraum für Auftritte und Abgänge der Schauspieler und sorgt für kleine Gags zwischendurch, wenn etwa Strahl und Limbach auf Steckenpferden bei der Tür hinausgaloppieren. Das Bühnenbild (Erwin Bail) ist bewusst einfach gehalten, mehr als ein paar multifunktionale Holzwürfel benötigt es nicht. Babsi Langbein hat für das Ensemble historisch anmutende Kostüme entworfen, raffinierte Lichteffekte (Vera Bernhauser) sorgen für die jeweils adäquate Stimmung.

Durch die beachtliche Leistung des gesamten Ensembles entsteht somit ein großes Ganzes: Marcus Strahl ist ein brillanter Heinrich II., dem schmerzlich bewusst wird, dass er sich in seinem Freund getäuscht hat. Eindringlich verkörpert Strahl einen zutiefst gekränkten Machtmenschen, der in seiner Verzweiflung nur mehr die tödliche Rache sieht. Philipp Limbach gefällt als aufrechter Becket, der sich von seiner unbeugsamen Haltung nicht abbringen lässt. Gefasst und erhaben hat Limbach seine Rolle angelegt, mit angemessener Intensität, etwa wenn er seine Geliebte Gwendoline verliert.

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Freien Bühne Wieden: Durch die beachtliche Leistung des gesamten Ensembles entsteht ein großes Ganzes. (Foto: Rolf Bock)

Auch Michael Gert als Erzbischof, Klaus Haberl als Bischof von London, John Fricke als Bischof von York, Ulli Fessl als Königinmutter, Birgit Wolf als Königin, Michaela Ehrenstein als Gwendoline, Reinhard Hauser als König Ludwig von Frankreich, Gerhard Dorfer als Papst, Herbert Eigner, Rudi Larsen und Wilhelm Prainsack als Barone, Sebastian Blechinger als kleiner Mönch, Peter Gayer als französischer Baron, Vera Bernhauser als junges Mädchen und René Magul als deren Vater bzw. Mönch – sie alle tragen zum Gelingen des Abends bei.

Jean Anouilhs Klassiker ist ein historischer Stoff in zeitloser Aufmachung und deshalb absolut sehenswert. „Becket oder Die Ehre Gottes“ steht nur mehr bis einschließlich kommenden Samstag, 23. April, auf dem Spielplan (Beginn: jeweils 19.30 Uhr) der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstraße 60b).

In diesem Sinne sind dem Theater noch viele volle Sitzreihen zu wünschen!

Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

 

14. April 2016
von Anja Schmidt
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Theater Experiment: Hasenclevers „Ehen werden im Himmel geschlossen“ ab 19. April

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In seiner Jubiläumssaison bringt das Theater Experiment, das heuer sein 60-jähriges Bestehen feiert, eine Komödie von Walter Hasenclever (1890 bis 1940) heraus. Der Vierakter „Ehen werden im Himmel geschlossen“ wurde im Jahr 1928 mit großem Erfolg veröffentlicht.

Das Stück wirft die philosophische Frage auf, wie autonom der Mensch in seiner Entscheidungsfreiheit ist, wenn er – mit Hilfe von oben – eine zweite Chance erhält: Gott, der schon in Pension gehen möchte, sieht sich mit dem Schicksal dreier Selbstmörder konfrontiert. Das himmlische Team beschließt, den Gescheiterten ein wenig auf die Sprünge zu helfen…

Gertraud Frey inszeniert Hasenclevers Komödie in einem Bühnenbild von Erwin Bail. Die Regisseurin selbst, Stefanie Elias, Andrea Schwent, Erwin Bail, Konrad Lusenberger, Tobias Reinthaller und Friz Wickenhauser wirken in der Aufführung mit, Premiere ist am 19. April.

Gespielt wird bis 7. Mai im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132), dienstags bis samstags, Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com

 

1. April 2016
von Anja Schmidt
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Freie Bühne Wieden: Anouilhs „Becket oder Die Ehre Gottes“ ab 5. April

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Aus Freunden werden Kontrahenten: Marcus Strahl als Heinrich II. und Philipp Limbach als Thomas Becket (Foto: Rolf Bock)

Am kommenden Dienstag (5. April) steht die Premiere eines lange nicht mehr in Wien gespielten Klassikers in der Freien Bühne Wieden bevor: Jean Anouilhs „Becket oder Die Ehre Gottes“ wird von der Direktorin des Hauses, Michaela Ehrenstein, mit einem großen Ensemble inszeniert.

Anouilh thematisiert das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Staat im zwölften Jahrhundert: Die Freundschaft zwischen dem normannischen König Heinrich II. und seinem Freund und Berater Thomas Becket scheitert auf folgenschwere Weise, als dieser vom Monarchen zum Lordkanzler und später zum Erzbischof von Canterbury berufen wird.

Becket entwickelt sich zum streitbaren Gottesmann und enttäuscht die von Heinrich in ihn gesetzten Erwartungen. Die Auseinandersetzung zwischen beiden Männern eskaliert und gipfelt schließlich in der Ermordung Beckets durch Getreue des Königs in der Kathedrale von Canterbury.

Als Kontrahenten sind Marcus Strahl als Heinrich II. und Philipp Limbach als Thomas Becket zu sehen. In weiteren Rollen wirken Michaela Ehrenstein, Vera Bernhauser, Ulli Fessl, Birgit Wolf, Sebastian Blechinger, Herbert Eigner, John Fricke, Peter Gayer, Michael Gert, Klaus Haberl, Reinhard Hauser, Johannes Kaiser, Gerhard Karzel/Gerhard Dorfer, Rudi Larsen, René Magul und Wilhelm Prainsack mit.

Gespielt wird bis 23. April in der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstrasse 60 b), dienstags bis samstags, Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

Foto: Rolf Bock

 

27. März 2016
von Anja Schmidt
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Koch-Workshop und Tango-Tanzkurs: Als Kreativreisende um die Welt

Im zweiten Teil des Interviews, das ich für GASTRO Portal mit Elena Paschinger geführt habe, schildert die Reisebloggerin und Buchautorin die eindrucksvollen Erlebnissen im Rahmen ihrer Weltreise, den Stellenwert sozialer Netzwerke für Kreativreisende, und die Autorin verrät, was bei der Ausrüstung keinesfalls fehlen sollte.

Mit „The Creative Traveler’s Handbook“ legt die Tourismus-Expertin aus Krems/Donau ihr erstes Buch zum Thema Kreativreisen“ vor. Im ersten Teil des Interviews erläuterte die Weltenbummlerin ihre Intention zum Schreiben ihres Buches, die Unterschiede zwischen konventionellen Kultur- und schöpferischen Kreativreisen aus Sicht der Reise-Expertin und gab Tipps zur (Wieder-)Entdeckung der eigenen Kreativität.

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Elena Paschinger: „Alle Destinationen haben einen faszinierenden kulturellen Hintergrund, den es sich lohnt, kreativ und interaktiv zu erfahren.“ (Foto: Elena Paschinger/ www.creativelena.com)

Beide Teile des Interviews, das ich mit freundlicher Genehmigung des F & H GASTRO Verlags wiedergeben darf, erschienen am 23. bzw. 25. März auf GASTRO Portal.

GASTRO Portal: Du bist bereits mehrfach um die Welt gereist und hast mehr als 40 Länder auf allen Kontinenten besucht. Auf der Osterinsel hast du einen Rapa Nui-Tanz von den dortigen Bewohnern erlernt und in Neuseeland nach überlieferter Maori-Tradition einen Kete“-Korb hergestellt. Welche Erfahrung hat dich am meisten beeindruckt?

Elena Paschinger: Es fällt mir schwer, eine Kreativ-Destination über die andere zu stellen – vom Tango-Tanzkurs in Buenos Aires bis hin zur Kreativ-Reise mit den Maori in Neuseeland oder dem Kochkurs am Fuße des Himalaya: Alle Destinationen haben einen faszinierenden kulturellen Hintergrund, den es sich lohnt, kreativ und interaktiv zu erfahren. Ich rate zur Offenheit: In jeder Destination kann man ruhigen Gewissens auf kreative Mitmach-Aktionen im Rahmen lokaler Kulturerlebnisse stoßen.

Welchen Stellenwert nehmen die sozialen Medien auf einer Kreativreise bzw. schon in deren Vorbereitung ein?

Für mich als professionelle Reisebloggerin naturgemäß einen sehr hohen, da ich diese seit vielen Jahren auch als legitimes Recherche-Tool für Kontakte und Möglichkeiten zu Kooperationen im Rahmen meiner Reise nutze. Ich weiß auch von vielen meiner – international bunt gestreuten – reisefreudigen Freunde, dass sie sich fast ausnahmslos von persönlichen Empfehlungen in sozialen Medien im Internet leiten und bei ihrer Reise-Entscheidungen positiv beeinflussen lassen, vom Storytelling am Blog bis zur fesselnden, inspirierenden Video-Botschaft.

Welche Ausrüstung sollte sich ein Kreativreisender vor der Abreise auf jeden Fall zulegen?

Auch darauf verweise ich in humorvoller Weise in meinem Buch. Im Kapitel „Top 10 Things You Need as a Creative Traveler“ (die zehn wichtigsten Dinge, die ein Kreativreisender benötigt, Anm.) werden unter anderem der kleine Rucksack für die Wertsachen, Schreibzeug sowie die obligate Wasserflasche samt Verpflegung erwähnt. Außerdem in jedem Fall Kleidung, die auch schmutzig werden darf bzw. allem voran bequeme Kleidung, ebensolche Schuhe und eine gehörige Portion Offenheit. Demnach Kamera und -batterien, sowie alles, was für die individuelle Bequemlichkeit vonnöten ist.

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Elena Paschingers Handbuch für Kreativreisende (Foto: Elena Paschinger/www.creativelena.com)

Wie kann es gelingen, die neu gewonne Kreativität in den Alltag einzubauen?

Am besten, in dem man Wege findet, die neu gewonnenen Ideen weiter umzusetzen – beispielsweise Freunde zum Kochkurs oder dem selbst nachgekochten thailändischen Gericht einladen, dessen Rezept man erprobt hat. Dazu gehört auch, sich beispielsweise an Festivals zu beteiligen, Tanzkurse zu besuchen, seine Freunde und Familie zu motivieren, weiterhin etwas Kreatives gemeinsam zu machen. Regelmäßigkeit zu setzen, kann langfristig wirklich helfen und Freude bringen.

Elena Paschinger: „The Creative Traveler’s Handbook“, erschienen bei Full Flight Press, ISBN 978-1927557105, erhältlich bei Amazon. Die Autorin bloggt unter www.creativelena.com und ist unter anderem auf FacebookTwitterInstagram und YouTube aktiv.

 

26. März 2016
von Anja Schmidt
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Kreativ rund um den Globus: Elena Paschingers Abenteuer in Buchform

Heute öffnet sich die Kultur-Schatulle“, um ein ganz besonderes Schmankerl zum Vorschein kommen zu lassen: Für das GASTRO Portal habe ich Elena Paschinger getroffen, eine Reisebloggerin und Social Media-Expertin, die ihr erstes Buch zum Thema Kreativreisen“ vorgelegt hat. Elena spricht sechs Sprachen fließend und ist schon mehrfach um die Welt gereist. Hier ist der erste Teil des Interviews, das ich mit freundlicher Genehmigung des F & H GASTRO Verlags wiedergeben darf.

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Mehrfach um die ganze Welt: Elena Paschinger, Tourismus-Expertin, Reisebloggerin und Buchautorin aus Krems/Donau, hat ihre Erfahrungen als Kreativreisende in einem spannenden Buch zusammengefasst.                (Foto: Elena Paschinger/www.creativelena.com)

 „In der Fähigkeit, inspirierende Geschichten über außergewöhnliche Menschen und Regionen zu erzählen, liegt mein größtes Lebensglück“ – so fasst Elena Paschinger, Tourismus-Expertin, Reisebloggerin und Buchautorin aus Krems/Donau, ihre Intention zum Schreiben zusammen.

Nun hat die Weltreisende, die sich in sechs Sprachen fließend verständigen kann, ihr erstes Buch zum Thema Kreativreisen herausgebracht: „The Creative Traveler’s Handbook“. In vier spannenden (in englischer Sprache verfassten) Kapiteln geht die Autorin dem Thema auf den Grund – von ihrem Verständnis aus, was Kreativ- von Kulturreisen unterscheidet, mit faszinierenden Berichten über Begegnungen mit Menschen rund um den Globus und Inspirationen, wie man seine eigene Kreativität neu entdecken kann, sowie praktischen Tipps für die Planung und Durchführung der Kreativreise.

GASTRO Portal: Wie kamst du auf die Idee, ein Buch zu zum Thema Kreativreisen zu verfassen?

Elena Paschinger: Die Idee, ein Buch zu schreiben, hat mich ein Leben lang begleitet. Aber erst durch die Hinwendung zum Thema Kreativreisen International und meine Bekanntschaften mit weltweit führenden Reisebuchautoren ist es mir gelungen, dieses Vorhaben dann auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Mich fasziniert und begeistert, etwas komplett Neues zu schaffen, Ideen zu verbreiten, Menschen zu inspirieren, die Welt mit anderen Augen zu sehen und sich an den glücklichen Beispielen der „Freude des Gelingens“ aufzurichten.

Inwiefern findet ein Paradigmenwechsel von der Kultur- zur Kreativreise statt?

Dieser fand bzw. findet nach wie vor überall dort statt, wo dem Kulturtourismus mehr Raum, mehr Schaffensfreude und mehr Interaktivität im Zusammenwirken von Kulturschaffenden und Kulturreisenden zugestanden wird. Es ist doch so: Mit Hunderten von Leuten durch Museen, Galerien oder Kathedralen zu wandeln, schreckt immer mehr ab, sodenn es nicht personalisiert oder auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtet ist. Als Beispiel: Vor dem Besuch der weltberühmten Sagrada Familia reicht schon ein drei- bis vierstündiger Mosaik-Kurs in Barcelona, um Gaudis Werk mit völlig anderen Augen zu sehen. Die Wertschätzung dieses sagenhaften Monuments ist dadurch ungemein tiefer – und für den Einzelnen viel besser verständlich. Zudem hat man hinterher ein schönes, immerwährendes und selbstgemachtes Souvenir aus Barcelona.

In deinem Buch erhalten die Leser Tipps, wie sie ihre Kreativität neu entdecken können: Wie können auch – nach eigener Selbsteinschätzung – unkreative Menschen zu neuen Ideen kommen?

De facto „unkreative Menschen“ gibt es nicht, denn wir sind alle von Natur aus neugierig, ergo auch offen und kreativ. Erst einmal braucht es jedoch eine Inspiration, eine Anleitung zum Kreativ-Sein, wenn man will, um aus dem Alltag in den Flow einer Kreativreise einzutauchen. Hier eignen sich andere Personen, inspirierend einfache Werke weiterer Kursteilnehmer, die Gruppendynamik vor Ort, der Ort sowie die Landschaft selbst, die Kursleiter etc. um Freude und Spontaneität zu vermitteln. All diese Faktoren vereint, sollte es ein Leichtes sein, in den kreativen Fluss einzutauchen, endlich mal wieder zu singen, zu malen, zu kochen oder zu musizieren.

Welche Reiseerfahrungen sollte man idealerweise bereits mitbringen?

Offenheit, Freude am Neuen und die Fähigkeit, sich selbst überraschen und dies auch zulassen können. Die Gruppe kann helfen, alleine jedoch kann man sich nach Möglichkeit noch stärker bzw. besser auf sein Tun konzentrieren und auch Hilfe vom Kursleiter erwarten. Hier hilft es, schon im Vorhinein gezielt zu wissen, was man machen möchte – dies erleichtert gerade Neu-Einsteigern die Reiseplanung und auch das Erfolgserlebnis.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Elena Paschinger von den eindrucksvollsten Erlebnissen im Rahmen ihrer Weltreise, erläutert den Stellenwert sozialer Netzwerke für Kreativreisende und verrät, was unbedingt Teil der Ausrüstung sein sollte.

Elena Paschinger: „The Creative Traveler’s Handbook“, erschienen bei Full Flight Press, ISBN 978-1927557105, erhältlich bei Amazon. Die Autorin bloggt unter www.creativelena.com und ist unter anderem auf FacebookTwitterInstagram und YouTube aktiv.

Der zweite Teil des Interviews folgt in Bälde!

 

19. März 2016
von Anja Schmidt
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„Der Scheiterhaufen“ im Theater Experiment: Tragische Lebenslügen in der Eiseskälte

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Beeindruckende Ensembleleistung: Gertraud Frey (l.) als rebellische Magd und Dagmar Truxa als scheinheilige, selbstgerechte Dame des Hauses (Foto: Rolf Bock)

„Wer sich in Familie begibt, kommt darin um“: Dieses Zitat Heimito von Doderers (1896 bis 1966) umreißt die Ausgangslage des Kammerspiels „Der Scheiterhaufen“ („Der Pelikan“) von August Strindberg (1849 bis 1912), das derzeit in einer Inszenierung von Erich Martin Wolf im Theater Experiment zu sehen ist.

Die Kinder sind die Leidtragenden im Stück: Die frisch vermählte Gerda und ihr Bruder, der Jus-Student Fredrik, werden von der Mutter drangsaliert, die ihnen von klein auf Nahrung und Geborgenheit vorenthalten hat. Auch wird im Haus nicht geheizt – vorgeblich, um Geld zu sparen.

Die Mutter ist seit Kurzem Witwe und hat eine obsessive Beziehung zu ihrem Schwiegersohn Axel, einem Leutnant der Reserve, aufgebaut. Die Kälte, die im Haus herrscht, offenbart sich auch im Verhältnis zwischen Mutter und Kindern.

Durch Zufall entdeckt der Sohn einen Brief des verstorbenen Vaters, der die familiären Verhältnisse in neuem Licht erscheinen lässt – Fredrik und Gerda rechnen mit der lieblosen Mutter ab, die Situation eskaliert, und es kommt zur Katastrophe.

Packende Konfrontation, präzise Figurenführung

Erich Martin Wolf hat das Kammerspiel „Der Scheiterhaufen“ eindringlich und vielschichtig für das Theater Experiment inszeniert. Strindbergs Stück ist nicht als Thriller angelegt, aber jeder Moment der Inszenierung birgt eine packende Konfrontation mit den Zuspitzungen des Dramas in sich.

Sehr präzise hat Wolf die Charaktereigenschaften der Figuren herausgearbeitet und zeigt eine Familie, in der sich die junge Generation, die in ein von der Außenwelt abgekapseltes Dasein geflohen ist, gegen die erlittenen Torturen zur Wehr setzt.

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Beachtlich agieren Beate Gramer und Tobias Reinthaller als Geschwisterpaar, das in der Not zueinander findet (Foto: Rolf Bock).

Eine höchst beeindruckende Leistung liefert das Ensemble ab: Dagmar Truxa spielt eine selbstgerechte und unbarmherzige Mutter, die in die eigene Tasche wirtschaftet und ihr Lügenkonstrukt bis zuletzt aufrecht erhalten will, auch dann noch, als sich das Blatt bereits gewendet hat.

Ebenso beachtlich agieren Beate Gramer und Tobias Reinthaller als Geschwisterpaar, das in der Not zueinander findet – Gramer als junge Ehefrau Gerda, die mit Unterstützung des Bruders schließlich gegen das Elend aufbegehrt, Reinthaller als verzweifelter Fredrik, der dem Alkohol verfallen ist, der Gerechtigkeit aber unbedingt zum Sieg verhelfen will.

Christian Schiesser gibt sehr überzeugend einen eiskalt berechnenden Schwiegersohn, der vor seelischen Grausamkeiten nicht zurück schreckt. Gertraud Frey als widerspenstige Dienstbotin Margret gibt schon am Beginn des Stückes dessen Richtung vor, als sie es wagt, der Dame des Hauses ihre Meinung zu sagen.

Erwin Bails erfindungsreiches Bühnenbild spiegelt mit düsterem Anstrich die Enge des Hauses wider, aus der es kein Entrinnen gibt. Monika Jungwirths Video-Installation schafft eine schaurig-beklemmende Atmosphäre. Ein fesselndes Stück bis zum Schluss!

Gespielt wird bis 2. April im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132), dienstags bis samstags, Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Eine Zusatzvorstellung findet am Montag, den 21. März, statt.

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com