„Der Wachauer Jedermann“: Wandlung und Läuterung beim Glockenschlag der Turmuhr

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Marcus Strahl (in der Titelrolle) und Barbara Kaudelka (als Jedermanns Geliebte) mit der Tischgesellschaft (Foto: Rolf Bock)

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes von Hugo von Hofmannsthal haben die Wachaufestspiele auch heuer wieder auf ihren Spielplan, der coronabedingt umgestellt werden musste, gesetzt.

Die zeitlos gültige Parabel über Vergänglichkeit, Rechtschaffenheit und Moral hat Regisseur und Bühnenbildner Martin Gesslbauer im beeindruckenden Renaissance-Ambiente des Teisenhoferhofs in Weißenkirchen in Szene gesetzt. Gesslbauers Regie setzt auf die kraftvolle Wirkung der Wachauer Mundart, die Peter Galla (dessen Urtext in einer Bearbeitung von Intendant Marcus Strahl und Regisseur Gesslbauer zur Aufführung gelangt) seiner Jedermann-Version zugrunde legt. Spannend liest sich die Geschichte, wie der Jedermann überhaupt in die Wachau kam: Ensemblemitglied Leo Schörgenhofer ist es zu verdanken, dass Gallas Text, vor der Jahrtausendwende entstanden und später auf einem Dachboden in Melk entdeckt, den Weg nach Weißenkirchen zu seiner Uraufführung fand.

Das (tatsächliche) Läuten der nahen Turmuhr verleiht dem Spiel im Teisenhoferhof eine Art Echtzeitcharakter und verdeutlicht eindrücklich die Flüchtigkeit des Augenblicks. Marcus Strahl in der Titelrolle zeichnet einen geizigen, zynischen und selbstgerechten Winzer, der unvorbereitet vom Tod heimgesucht wird, um ihn vor seinen Schöpfer treten zu lassen. Weder die wohlwollenden Ratschläge seiner Mutter (sehr wahrhaftig: Waltraut Haas), er möge doch einen tugendhafteren Lebenswandel führen, noch die Avancen seiner Geliebten (Barbara Kaudelka gibt eine herzerfrischende Buhlschaft) in Richtung Hochzeit vermögen den Uneinsichtigen auf den richtigen Weg zu führen.

„Jeeedermaaann“ schallt es dann schaurig über den Teisenhoferhof, doch nur der Angesprochene selbst kann vorerst die Rufe hören. Zuvor stößt er seinen armen Nachbarn (Franz Schwandl) ebenso wie eine bedürftige Frau (Iris Raith) samt ihren Kindern (Mia Freund, Sofia Denk), die wegen Diebstahls von Essen von einem Gendarmen (Matthias Stumvoll) vorgeführt werden, mit seiner Hartherzigkeit vor den Kopf. Jedermanns Tischgesellschaft ergreift die Flucht, als sie des Sensenmannes (beachtlich: Michael Schefts) ansichtig wird. Eine Stunde Zeit wird dem Heimgesuchten gewährt, um seine irdischen Belange abzuschließen. Jedermanns guter Kumpan (ideal leutselig dargestellt von Felix Kurmayer) sowie seine beiden Vetter (Leo Schörgenhofer, Gerhard Graf) kündigen ihm die Freundschaft auf, als er sie um Begleitung auf die Reise in das Ungewisse ersucht.

Doch noch immer hat der Verblendete die Botschaft nicht verstanden, bis ihm auch der Mammon (gleißend schön: Leila Strahl) veranschaulicht, dass irdischer Besitz nur zu Lebzeiten Bedeutung hat. Erst durch den Auftritt seiner guten Werke, die Jedermann viel zu lange viel zu sehr vernachlässigt hat, und des Glaubens (sehr berührend von Michaela Ehrenstein bzw. Anke Zisak dargestellt, die Make-Up-Designer Andreas Moravec und Coco Schober haben hier ganze Arbeit geleistet) findet er zu guter Letzt auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurück, um geläutert vor seinen Schöpfer treten zu können und den Teufel (Martin Gesslbauer) abzuwehren.

Ein Stück, dessen Inszenierung auch heuer wieder mit tatkräftiger Unterstützung des Ensembles des MGV D‘Wachauer zustande gekommen ist (weiters mitgewirkt haben Andreas Raith als Spielansager, Walter Bauer als Oberknecht, Friedrich Ebner als Quetschenspieler, Wim Beckers als Knecht sowie Regina Tauber, Bettina Geppner, Theresa Geppner, Clara Wildeis und Fanny Hick als Mitglieder der Tischgesellschaft) und dessen Strahlkraft in den Kostümen von Christine Zauchinger besonders gut zur Geltung kommt. Und das Raum für viele Fragen offen lässt, etwa jene, wie ein gelungenes Leben aussehen könnte und ob und wie eine selbstreflexive Haltung dazu beitragen kann. Zeitlos grandios!

Wachaufestspiele Weißenkirchen: „Der Wachauer Jedermann”, Teisenhoferhof,
Termine am: Freitag, 11., Samstag, 12. und Sonntag, 13. September 2020, Beginn: jeweils 19.30 Uhr

Weitere Informationen: www.wachaufestspiele.com

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