
Die Wachaufestspiele und ihr Austragungsort, der Teisenhoferhof im Winzerort Weißenkirchen, sind gemeinhin eine Reise wert. Heuer, zum 20-jährigen Jubiläum der Intendanz von Marcus Strahl, setzt man auf ein besonderes Glanzstück, eine in der k.k.-Zeit angesiedelte Kriminalkomödie aus der Feder von Gerhard Loibelsberger mit Musik von Frizz Fischer.
„Die geraubte Venus“ nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise in das Jahr 1908, als eine rund elf Zentimeter große Frauenfigurine bei Bauarbeiten für die Donauuferbahn in Willendorf in der Wachau entdeckt wurde, die fortan als archäologische Sensation Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Autor Gerhard Loibelsberger (geboren 1957 in Wien) lässt im Stück den aus seinen historischen Wien-Krimis bekannten Inspektor Nechyba in Aktion treten, denn kaum aus dem Erdreich geborgen, wurde die Venus auf ihrem Weg nach Wien gestohlen. Als mutmaßlicher Tatort gilt ein rustikaler Gasthof in der Wachau, wohin eilends der k.k. Polizeiagent Pospischil, Adlatus des auf Sommerfrische weilenden Nechyba, aus Wien entsandt wird, um das Verbrechen aufzuklären. Pospischil hat seine liebe Not mit den zahlreichen Gästen, die in der „Goldenen Traube“ Quartier bezogen haben und allesamt verdächtig sind, darüber hinaus zeigt sich sein Vorgesetzter denkbar desinteressiert an der Aufklärung des Falles, schließlich weilt er ja auf Urlaub. Notgedrungen muss Pospischil aktiv werden und ermittelt nunmehr inkognito, in der Verkleidung einer harmlos anmutenden Kräuterfrau. Bis zur Aufklärung des Falles bleibt es spannend, denn im Gasthof geht es rund, und die Verdächtigen verhalten sich alles andere als kooperativ.
Treffende Seitenhiebe auf die Obrigkeit

Einmal mehr gelingt der Inszenierung von Marcus Strahl ein stimmiges Ineinanderwirken der spannend-vergnüglichen Handlung (samt treffender Seitenhiebe auf Bürokratie und Obrigkeit) mit den grandios gezeichneten und allerlei Eigenheiten aufweisenden Charakteren sowie der Musik von Frizz Fischer (Liedtexte: Gerhard Loibelsberger, Einstudierungen Gesang: Elena Gertcheva). Diese verleiht den Szenen unterschiedliches Kolorit und hat so wesentlichen Anteil am Gesamtkunstwerk. Bühnenbildner Martin Gesslbauer hat den Gasthof mit allen relevanten Details ausgestattet, Petra Teufelsbauer hat farbenprächtige Kostüme, der Zeit entsprechend historisch anmutend, beigesteuert.
Das zehnköpfige Ensemble packt das Publikum vom ersten Moment an, als Daniela Lehner als Zeitungsjunge mittels druckfrischem Extrablatt die Nachricht von der gestohlenen Venus verkündet. Georg Kusztrich trifft perfekt den Tonfall des Wiener Polizeiagenten Pospischil, der sich als „Kräutergretl“ verkleidet unter die Gästeschar mischt und nicht nur als solche seine komödiantischen Fähigkeiten unter Beweis stellt. Reinhard Nowak grantelt sich als Nechyba, der bei Riesling und Mariandl-Schinken seiner Sommerfrische frönt, durch das Stück, dass es eine wahre Freude ist. Seine resolute Gattin Aurelia, zugleich Köchin in der „Goldenen Traube“, wird sehr eindrucksvoll von Doris Richter-Bieber verkörpert. Grandios und in großer stimmlicher Bandbreite kommt in dieser Rolle auch ihr gesangliches Talent zum Tragen. Nici Neiss schlüpft in die Rolle der mysteriösen Baronin Helene von und zu Hochtrab, die vorgibt, auch eine am Broadway erfolgreiche Schauspielerin gewesen zu sein. Mit großer Verve mimt Neiss die – vermeintliche – Darstellerin mit Hang zum Drama. Als Ying Yang, ihre Gesellschaftsdame mit amerikanisch-chinesischen Wurzeln, agiert Xina Dongnan Ziegler mit ausgeprägter Virtuosität, zwischen beiden Sprachen (Deutsch und Chinesisch) zu wechseln und dabei auch herrlich humoristische Einlagen zum Besten zu geben.

Leila Strahl lässt als Frau von Streng keine Fragen offen, wie sie es mit der Obsorge um ihr Mündel Rosi und dessen Disziplin zu halten pflegt. Energiegeladen und mit einer Trillerpfeife ausgestattet, verdonnert sie die junge Dame aus der Cottage zu Fitnessübungen und Nahrungsentzug und beobachtet mit Argusaugen, wie Rosi und Fredl, der Hausbursche im Gasthof, miteinander zarte Bande knüpfen. Daniela Lehner gefällt als geplagte und stets hungrige Rosi, Georg Hasenzagl ist ein wunderbar aufmüpfiger Fredl, der weniger Interesse an seiner Arbeit, dafür umso größeres an der Bekanntschaft zu Rosi und zur „Kräutergretl“ zeigt. Victor Kautsch hält sehr gekonnt als treu ergebener Adjutant des Thronfolgers, Odilo von Schmarrn, die Fäden der Ermittlung in der Hand. Zu guter Letzt komplettiert Tony Bieber das Ensemble als Herr von Stein, dem die Venus abhanden kommt, was den Archäologen entsprechend resigniert und entmutigt zurücklässt. Keinesfalls soll an dieser Stelle vorweggenommen werden, wann und wo die Venus wieder auftaucht. Fest steht: Nechyba bekommt – typisch österreichisch – einen Orden verliehen, obwohl sich seine Mitwirkung an der Lösung des Falles in Grenzen gehalten hat.
Theater, wie man es gerne sieht!
Fazit: „Die geraubte Venus“ ist Theater, wie man es gerne sieht! Ein Hauch von Nestroy weht durch den Teisenhoferhof, und die gelungene Mischung aus Wiener Schmäh und Wachauer Charme verleiht dem Stück eine besondere Atmosphäre. Ein Besuch des Renaissance-Juwels sei daher wärmstens ans Herz gelegt!

Wachaufestspiele Weißenkirchen im Teisenhoferhof: „Die geraubte Venus“, bis 10. August 2025 (jeweils Freitag, Samstag, Sonntag), Beginn: 19.30 Uhr (Sonntag: 18.30 Uhr), Familienvorstellungen: Samstag, 2. und 9. August, Beginn: jeweils 16 Uhr. Zusatzvorstellung: 7. August 2025!
Weitere Informationen: www.wachaufestspiele.com