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Vienna Theatre Project mit „My old Lady“: Bittersüßes Vermächtnis zwischen Altlasten und neuen Chancen

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Vienna Theatre Project mit „My old Lady“: Dave Moskin, Kathy Tanner (Foto: Ine & Thomas Photography)

Ein gemütliches Wohnzimmer ist der Schauplatz für ein Generationentreffen der besonderen Art: Mit leichtem Gepäck reist Mathias Gold aus New York nach Wien, um dort die von seinem Vater geerbte Wohnung zu übernehmen. Zu seiner großen Überraschung steht die Unterkunft aber nicht leer, sondern wird vielmehr von zwei, ihm unbekannten Frauen bewohnt. Im Nu findet sich der knapp 60-Jährige in einer für ihn völlig erwarteten Konstellation aus alten Erinnerungen, neuen Einsichten und unvermuteten Zusammenhängen wieder.

„My old Lady“ ist der Titel dieses Drei-Personen-Stücks von Israel Horovitz (1939 bis 2020), das Regisseurin Joanna Godwin-Seidl als österreichische Erstaufführung in englischer Sprache mit dem Vienna Theatre Project auf der kleinen Bühne des Bar & Co., der heimeligen Spielstätte im Theater Drachengasse, eingerichtet hat. Das Wohnzimmer, in dem die drei Charaktere aufeinandertreffen, kontrastiert in seiner Behaglichkeit den Sachverhalt, mit dem Mathias von den beiden Bewohnerinnen konfrontiert wird. Wie eine Zeitkapsel wirkt der in Altrosa ausgemalte Wohnraum von Mathilde und ihrer Tochter Chloe mit dem gemütlichen Ohrensessel, dem Plattenspieler und einem Telefon aus Bakelit auf dem antiken Sideboard, dazu ein Sekretär, der an die Wand gerückt wurde.

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Vienna Theatre Project mit „My old Lady“: Kathy Tanner, Bronwynn Mertz-Penzinger (Foto: Ine & Thomas Photography)

Mit freundlicher Genehmigung der Familie des Autors hat Ensemblemitglied Dave Moskin, auf Anregung der beiden anderen Schauspielerinnen Kathy Tanner und Bronwynn Mertz-Penzinger und zusammen mit Regisseurin Godwin-Seidl, das Stück behutsam bearbeitet und die Handlung von Paris nach Wien verlegt. Dazu wurden einzelne Passagen auch ins Deutsche übertragen und zeitgeschichtliche Anlehnungen in einen Gesamtkontext mit Österreich-Bezug und Wiener Lokalkolorit gesetzt. Joanna Godwin-Seidl hat mit ihrem großartigen Ensemble dieses vielschichtige Stück zu einem intensiv (nach-)wirkenden Kammerspiel arrangiert. Den stimmigen Soundtrack zum Stück liefern Interpretationen des österreichischen Jazz-Musikers Fatty George.

Kathy Tanner verkörpert die titelgebende „Lady“ und lässt als agile und schlagfertige Mathilde Girard keine Fragen offen, wer hier in dieser Figurenkonstellation die Fäden in der Hand hält. Unverblümt stellt sie den unerwarteten Besucher vor vollendete Tatsachen, insofern, dass sie hier ein lebenslanges Wohnrecht hat und er, Mathias, ihr auch noch eine monatliche Leibrente zu zahlen hat. Bronwynn Mertz-Penzingers streitbare Chloe steht ihrer Mutter um nichts nach – wenn es nach ihr ginge, sollte Mathias sofort wieder die Wohnung verlassen, zudem stellt sie in Aussicht, dass die 92-jährige Mathilde noch ein ziemlich langes Leben vor sich haben könnte. Dave Moskin verkörpert Mathias, der auf einen Neuanfang in der ihm fremden Stadt hofft und stattdessen zusieht, wie sich sein Leben von jetzt auf gleich von Grund auf verändert. Der dreifach Geschiedene, der zwar mit leichtem Gepäck nach Wien gekommen ist, dafür aber mit umso größeren emotionalen Altlasten, muss seinen Lebensweg nun neu definieren.

Mit jeder gespielten Minute werden Schicht um Schicht einer komplexen Familiengeschichte freigelegt, und man erfährt neue Facetten der Verflechtungen innerhalb des fragilen Gefüges. Ganz nah liegt hier die Komödie an der Tragödie, mit sehr viel Witz, aber auch ausgeprägtem Gespür für berührende Momente (etwa, wenn die Tochter ihre Loyalität zu ihrer Mutter hinterfragt oder Mathias seinen Kummer, ob der Entfremdung von seinem Vater, mit Alkohol betäubt) ist hier Regie und Ensemble eine hervorragende Melange aus Humor und Tiefgang gelungen.

Auf warmherzige Art und Weise setzt sich „My old Lady“ mit den Themen Vermächtnis, immateriell wie materiell, Veränderung und Identität auseinander. Ganz große Empfehlung für diese rundum geglückte Produktion!

My old Lady“ von Israel Horovitz: Eine Produktion von Vienna Theatre Project, zu sehen bis 21. Februar 2026, im Bar & Co., Theater Drachengasse (1., Drachengasse 2, Beginn: jeweils 20 Uhr)

Weitere Informationen: www.viennatheatreproject.com, Karten: www.drachengasse.at