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Open House Theatre mit „The Great Gatsby“: Mondäner Mikrokosmos zwischen Sein und Schein

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„The Great Gatsby“: Sam Kozeluh, Emily Fisher, Louise-Marie Prack, Daniel Arora und Tom Middler (Foto: Karin Svadlenak-Gomez/in_publico)

Das Theater Spielraum ist der Schauplatz für die aktuelle Produktion des Open House Theatre, die geradewegs in die Welt der New Yorker High Society von 1922 führt: „The Great Gatsby“, den legendären Roman des US-amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald (1896 bis 1940), hat Ricky McMurry für die Bühne adaptiert und als dialogreiches Buchdestillat in Szene gesetzt.

Das Publikum befindet sich quasi mitten im Geschehen und kann die Ereignisse aus einer 360-Grad-Perspektive beobachten, da der Zuschauerraum die Spielfläche umschließt. Im Handumdrehen wird man so in die mondäne, aber lasterhafte Welt in der fiktiven Stadt West Egg auf Insel Long Island rund um den Ich-Erzähler Nick Carraway und den neureichen Geschäftsmann Jay Gatsby hineingezogen. Drei schwarze Treppenpodeste mit Verzierungen im Art-déco-Stil (Bühnenbild: Marc Rothschild, Malerei: Tom Middler) dienen bildstark – auch hochkant aufgestellt oder ineinander gestapelt – als multifunktionale Ausstattungselemente, ob als Sofa, Auto oder Tanzfläche.

Das Ensemble manövriert sich souverän durch die riesigen Textmengen und beeindruckt mit intensivem Spiel, zu keinem Zeitpunkt fehlt es an der für das Stück notwendigen Spannung. Daniel Arora verkörpert den ursprünglich aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Gatsby als rastlos getriebenen, von zweifelhaften Wertvorstellungen motivierten Emporkömmling, der um jeden Preis in der höheren Gesellschaft ankommen möchte. Trotz eines mondänen Lebensstils mit ausschweifenden Partys bleibt er ein Suchender, vor allem auch, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Sein Nachbar Nick, der auch in der Bühnenfassung als Ich-Erzähler fungiert und sehr vielschichtig von Sam Kozeluh dargestellt wird, fungiert als Bindeglied zwischen Gatsby und den anderen Charakteren, bleibt aber eher ein Außenseiter in der High Society und zeigt sich unentschlossen in Liebesdingen.

Nicks Cousine zweiten Grades ist Daisy Buchanan, die mit Gatsby eine Liebschaft, auch noch aus früheren Zeiten, verbindet, jedoch mit dem schwerreichen ehemaligen College-Sportler Tom verheiratet ist. Louise-Marie Prack zeichnet ein sehr differenziertes Bild der jungen Frau, die es sich in der Rolle der „der schönen kleinen Närrin“ bestens eingerichtet hat und Status samt Vermögen einer Beziehung auf Augenhöhe den Vorzug gibt. Tom Middler verkörpert ihren Gatten Tom beeindruckend überzeugend als misogynen Rassisten im Nadelstreifanzug, sozial und emotional völlig verwahrlost, der seine Frau nonchalant mit einer anderen betrügt. Emily Fisher mimt mit großer Verve die energiegeladene, emanzipierte, aber etwas abgebrühte Sportlerin Jordan, die mit Daisy befreundet ist und eine lockere Liaison mit Nick eingeht. Moralische Verwerfungen als Resultat einer wohlstandsverwahrlosten Lebensführung, aber auch die bewusste Hintanhaltung von Tugend und Moral spiegeln sich in den Charakteren grandios wider.

Tess Hermann und Emily Busvine fungieren als Co-Regisseurinnen dieser Inszenierung, wirken aber auch im Ensemble mit: Erstgenannte verkörpert die übermütig-fröhliche Myrtle Wilson, die Frau des Tankstellenpächters, die nach sozialem Aufstieg sucht, diesen aber auch nicht durch die Affäre mit Tom Buchanan findet. Emily Busvine agiert als Catherine, Myrtles Schwester und charakterlich eher das Gegenstück zu ihr. Ina Vospernik, Mira Häfele, Caroline Turner und Virginia Bailey, Studentinnen der BSA, der bilingualen Schauspielakademie für Film und Bühne, komplettieren das Ensemble darstellerisch, teils aber auch gesanglich hervorragend.

Katharina Kappert hat ein Kabinettstück in Sachen Kostümbild abgeliefert – von detailreich designten Kleidern, auf die weiblichen Charaktere typengerecht abgestimmt, hin zu vielfältig ausgestalteter Abendgarderobe, vom (Haar-)Schmuck bis zu Fächern samt Sonnenschirm. Auch bei den Requisiten wurde der Art-déco-Stil stringent und gut sichtbar durchgezogen. Das Lichtdesign von Tom Barcal setzt nicht nur stimmige Akzente, sondern trägt auch wesentlich zur eindringlichen Atmosphäre der Inszenierung bei.

Cast und Crew des Open House Theatre überraschen einmal mehr mit einer in starken Bildern umgesetzten Erzählung – „The Great Gatsby“ als Mikrokosmos zwischen Sein und Schein, eine Story, die kaum relevanter oder realitätsbezogener sein könnte. Große Empfehlung!

„The Great Gatsby“: Eine Produktion von Open House Theatre im Theater Spielraum, zu sehen bis 27. März 2026 (7., Kaiserstraße 46), Beginn: jeweils 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.openhousetheatre.at

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