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Open House Theatre mit „Constellations“: Eine Liebesgeschichte zwischen Zeit und Raum

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Open House Theatre mit „Constellations“ im Ateliertheater: Theresa Hermann und Peter Steele (Foto: Karin Svadlenak-Gomez)

Zwei Charaktere, eine Love-Story und unendlich viele Variationen – Nick Paynes Theaterstück „Constellations“, uraufgeführt 2012 im Londoner Royal Court Theatre, lädt zu einem höchst spannenden Gedankenexperiment ein: Marianne und Roland lernen einander bei einem Barbecue kennen. So weit nicht ungewöhnlich. Doch der Autor (Jahrgang 1984) hat sich keinen linear erzählten Plot ausgedacht, sondern unzählig viele verschiedene Handlungsverläufe, die die beiden Charaktere durchleben.

Schon beim Kennenlernen von Marianne, der Quantenphysikerin, und Roland, dem Imker, weiß man nicht, wie es weitergeht. Was wird in weiterer Folge passieren? Alles? Nichts? Etwas? Das zarte Pflänzchen der Beziehung könnte daran scheitern, dass man einander gar nicht so sympathisch ist. Vielleicht kommen die beiden zusammen, scheitern aber an Missverständnissen oder Seitensprüngen. Vielleicht muss die Partnerschaft einer Bewährungsprobe standhalten, weil Marianne ernsthaft erkrankt. Oder vielleicht treffen sie einander in der Tanzschule wieder, weil sie sich für eine Hochzeit (die eigene?) vorbereiten wollen.

Das Open House Theatre gastiert mit „Constellations“ im Ateliertheater und hat sich damit wiederum einer sehr spannenden Materie angenommen. Regisseur Robert G. Neumayr hat den neugierig machenden Text auf der kleinen Bühne mit sparsamsten Mitteln inszeniert (zwei Sesseln dienen als Requisiten), umso wirkungsvoller kommen die einzelnen Szenen zur Geltung. Manchmal dauert es nur wenige Sekunden, zuweilen aber auch einige Minuten, bis Marianne und Roland in der nächsten Sphäre ankommen. Verkörpert werden die beiden Charaktere mitreißend von Theresa Hermann und Peter Steele: Hermann als Marianne, die (in einer der Varianten) ungestüm ihre Gefühle für Roland zeigt, aber auch für berührende Momente sorgt, etwa, wenn sie Roland von den Auswirkungen ihrer Erkrankung erzählt. Peter Steeles Roland wirkt geerdet und zeigt rationalistische Züge, aber auch heitere Facetten, wenn er Marianne mit seinem überbordenden Fachwissen über Bienenhaltung vereinnahmt.

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Open House Theatre mit „Constellations“ im Ateliertheater: Peter Steele und Theresa Hermann (Foto: Karin Svadlenak-Gomez)

Die anfänglich dramaturgisch etwas ungewohnte Perspektive für das Publikum – Autor Payne springt in den einzelnen Szenen oftmals in der Zeitebene wieder zurück – gibt aber auch den Blick auf die vielen verschiedenen Handlungsverläufe frei, die gleichsam Mariannes Beruf widerspiegeln. „Was wäre, wenn?“ ist in Paynes Stück die große Frage. Jede Entscheidung, die wir fällen oder auch nicht fällen, so die Quantenphysikerin, existiert in einem riesigen Pool an Paralleluniversen, quasi in einem Multiversum. Leichtfüßig, aber sehr eindrücklich und mit Witz verhandelt der Autor die komplexe Fragestellung, inwieweit der freie Wille oder Zufälle Einfluss auf unser Leben haben. Oder auch, wie scheinbar kleine Entscheidungen mitunter eine große Wirkung entfalten können.

Die komplett in Schwarz gehaltene Bühne wurde mit Neonleuchten ausgestattet, die in Warm- und Kalttönen unterschiedliche Stimmungsbilder vermitteln, aber auch die Szenenwechsel optisch einrahmen (Bühne/Kostüme: Nicola Ségur-Cabanac, Lichtdesign: Robert G. Neumayr). Einmal mehr zeigen Cast und Crew des Open House Theatre, wie fesselnd und hinterfragend zugleich zeitgenössisches Theater sein kann. Wer sich auf dieses berührende Gedankenexperiment einlassen möchte, dem sei diese Produktion wärmstens ans Herz gelegt!

„Constellations“: Eine Produktion von Open House Theatre im Ateliertheater, zu sehen nur mehr bis 28. Oktober 2025 (7., Burggasse 71), Beginn: jeweils 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.openhousetheatre.at