
Ein Thema, an dem momentan, so scheint es, kein Weg vorbeiführt: künstliche Intelligenz und ihr Einsatz in unserem Alltag. Von Chat GPT und anderen Programmen, die Texte erstellen (dieser hier ist selbstverständlich Handwerk ;-)) und Bilder kreieren, über Datenanalyse bis hin zur medizinischen Diagnostik – wohl kaum ein Bereich unseres Lebens wird künftig ohne KI-Anwendungen auskommen. Cordula Polster und Nici Neiss haben für die Neue Bühne Wien unter der Gesamtleitung von Marcus Strahl ein Stück verfasst, das die (un-)schöne neue Welt von ihrer humorvollen Seite zeigt.
„Eine (fast) perfekte Braut“ lautet der Titel der Komödie, die Co-Autorin Nici Neiss als turbulenten Ausblick in eine (mögliche?) Zukunft mit vielen Pointen und herrlichen Dialogen inszeniert hat. Die künstliche Intelligenz einer Roboterdame prallt auf die „natürliche Dummheit“ ihrer menschlichen Umgebung, und zu guter Letzt steht die Frage im Raum, inwieweit lernende Maschinen dem Fortschritt wirklich dienlich sind und wo die Grenzen für ihren Einsatz gezogen werden sollten.

In seinem luxuriösen Eigenheim widmet sich Adrian von Schönhausen, reicher Erbe eines Familienunternehmens für Smart-Home-Lösungen, am liebsten seiner Musik, mit der seine dominante Mutter Gertrude überhaupt nichts anfangen kann. Sehr ambitioniert ist sie auf der Suche nach einer passenden, natürlich standesgemäß ebenbürtigen Ehefrau für ihren erwachsenen Sprössling. Da der Verkuppelungsversuch mit der vermögenden Hotelerbin Miss Elton seine Wirkung verfehlt, ist guter Rat vonnöten. Dieser kommt von Professor Weinstein aus der unternehmenseigenen Forschungsabteilung: Roberta heißt die blendend aussehende Roboterfrau, die Adrian als Partnerin, privat wie beruflich, zur Seite stehen soll. Im Nu ist die Humanoidin drauf und dran, sich alles Wissenswertes über zwischenmenschliche Beziehungen einerseits und den Konzern andererseits anzueignen. Doch plötzlich beginnt die künstliche Intelligenz in Menschenform ein Eigenleben zu entwickeln, und die ganze Situation gerät zusehends aus dem Ruder …

Das sechsköpfige Ensemble ist sichtlich mit großer Spielfreude bei der Sache, allen voran Victor Kautsch, der als Adrian von Schönhausen mit seiner digital durchtechnisierten Wohnung überfordert ist, vor allem, wenn der Kühlschrank zur Selbstzerstörung ansetzt und aus der Dusche brennheißes Wasser kommt. Mit großartiger Mimik und Gestik spielt Kautsch den in der digitalen Technik-Welt völlig verlorenen Sohn aus gutem Hause, der nur in seiner Zwölftonmusik aufgeht. Anita Kolbert mimt mit großer Verve seine tonangebende Mutter Gertrude, der alles daran liegt, das Familienunternehmen in guten Händen zu wissen, zwischen übertriebener mütterlicher Fürsorge und adeligem Standesdünkel.
Co-Autorin und Regisseurin Nici Neiss verkörpert Adrians Haushälterin Olga (mit hervorragend durchgezogenem Akzent), die zwar als „Perle“ fünf gerade sein lassen kann, aber ihre Position behauptet, sobald Roberta Einzug gehalten hat. Leila Strahl brilliert durch sehr überzeugende Körpersprache und Sprechtechnik als Roboterdame Roberta, die anfangs noch charmant wirkt und sich Kochrezepte, klassische Literatur und Lexikonwissen zu Gemüte führt, dann allerdings eine Kehrtwende macht und, sehr facettenreich dargestellt, nach und nach zu einer unkalkulierbaren Maschine in Menschenform mutiert. Stephan Paryla-Raky hat herrlich verschrobener, tüftelnder Professor Weinstein leider nicht mehr die Fäden in der Hand, wenn klar wird, dass seine Super-KI ein Eigenleben führt, und Kiara-Luzia Waite gefällt als demonstrativ schräg-schrille Hotelerbin Miss Elton, die angesichts ihrer „Konkurrenz“ das Weite sucht. Großartig choreografiert wurde der Showdown in Slow Motion, dessen Ausgang aber nicht verraten werden soll.

Martin Gesslbauer hat ein gediegen eingerichtetes Wohnzimmer, mit vielen Details ausstaffiert, auf die Bühne gezaubert, Petra Teufelsbauer hat einmal mehr charaktertypisch passende Kostüme beigesteuert, die vor allem auch in Robertas Fall deren Wandlung unterstreichen.
Fazit: „Eine (fast) perfekte Braut“ liefert feine Unterhaltung mit gut gespielten Pointen, die allerdings auch zum Nachdenken anregen und Antworten auf die Fragestellung, inwieweit Fortschrittspessimismus mittlerweile geboten sein sollte, mit Augenzwinkern dem Publikum überlässt.
„Eine (fast) perfekte Braut“ von Cordula Polster und Nici Neiss (Österreichische Erstaufführung): Zu sehen bis 7. März 2026 im Theater Center Forum (Forum I), Porzellangasse 50, 1090 Wien, Beginn jeweils: 19.30 Uhr (Dienstag bis Samstag). Danach Tournee-Termine in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark.
Weitere Informationen: www.theatercenterforum.com bzw. www.nbw.at