Foto: Robert Peres

Neue Bühne Wien mit „Kalter weißer Mann“: Bitterböser Schlagabtausch rund um einen Trauerkranz

Veröffentlicht von
„Kalter weißer Mann“: Alexander Hoffelner, Reinhard Nowak, Hubert Wolf, Michelle Catherine Härle, Adriana Zartl, Claudia Rohnefeld (Foto: Robert Peres)
„Kalter weißer Mann“: Alexander Hoffelner, Reinhard Nowak, Hubert Wolf, Michelle Catherine Härle, Adriana Zartl, Claudia Rohnefeld (Foto: Robert Peres)

„Kalter weißer Mann“ lautet der Titel der neuen Komödie aus der Feder von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Das deutsche Autoren-Duo, das bereits mit „Extrawurst“ eine sehr pointierte Auseinandersetzung mit den Themen Toleranz und Meinungsfreiheit vorgelegt hat, arbeitet sich nun durch ein breites Spektrum, aufgehängt an der Debatte rund um das Gendern, ab. Marcus Strahl hat das Stück, das eine fulminante Premiere im CasaNova Wien erlebte, für die Neue Bühne Wien eingerichtet und mit großem Gespür für feinen Dialogwitz und die Ausgestaltung der Charaktere in Szene gesetzt.

Der Name des Stücks lässt schon vage vermuten, worum es geht: Eine Trauerfeier, die minutiös vom Geschäftsführer in spe für den verblichenen Firmenpatriarchen des Feinwäscheunternehmens Steininger geplant war, läuft komplett aus dem Ruder. Streitobjekt ist die Aufschrift der Schleife jenes Kranzes, den die Belegschaft gespendet hat: „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“. Im Nu bricht eine hitzige Diskussion über die – nicht gegenderte – Formulierung zwischen allen Anwesenden aus, die ihre kontroversen Standpunkte mit größter Vehemenz vertreten, und die den Pfarrer, der die Trauerfeier abhalten sollte, an den Rand der Verzweiflung bringt.

Genüsslich und sprachlich sehr präzise nehmen Dietmar Jacobs (geboren 1967 in Mönchengladbach) und Moritz Netenjakob (geboren 1970 in Köln) Sprachmuster unserer heutigen Zeit unter die Lupe und hinterfragen sehr gekonnt, wo die Grenze zwischen Respekt und Restriktion verläuft. Ähnlich wie bei „Extrawurst“ (wo das Setting eine Mitgliederversammlung darstellt) ist das Publikum bei „Kalter weißer Mann“ gleichsam Teil der Trauergemeinde. Die Charaktere – neben dem designierten Geschäftsführer sind die Marketing-Leiterin des Unternehmens, die Chefsekretärin, der Social-Media-Manager und eine Praktikantin in den verbalen Schlagabtausch involviert – wirken trotz einiger Überzeichnung sehr greifbar und fernab jeglicher Schablonen. Die lebendigen Dialoge treffen punktgenau ins Ziel und halten bei der Gratwanderung zwischen angemessener Korrektheit und humoristischer Darstellung perfekt die Balance.

Das Ensemble liefert wahrlich eine Höchstleistung ab, die Mitwirkenden spielen einander die bitterbösen Pointen großartig zu. Reinhard Nowak changiert brillant als knorriger, durchaus selbstherrlicher Geschäftsführer Hubert Zacherl zwischen einer „Das war schon immer so“-Mentalität und zunehmender Fassungslosigkeit ob der von der Belegschaft an ihn gerichteten Vorhaltungen. Eine diametral entgegengesetzte Meinung im Gender-Disput (denn, so ist der weibliche Teil der Steininger-Belegschaft der Auffassung, sollte es natürlich „Mitarbeiter*innen“ heißen) vertritt die Marketing-Leiterin Alina Bernreiter, exzellent verkörpert von Adriana Zartl, die sehr kurzfristig für die verletzungsbedingt verhinderte Verena Scheitz eingesprungen ist. Zartl verleiht ihrer Figur sehr bestimmende Züge, die sie keinen Konflikt mit dem (Noch-)Vorgesetzten scheuen lassen. Allerdings ist auch die Marketing-Leiterin nicht vor Anschuldigungen gefeit, schließlich muss sie sich den Vorwurf der Klüngelei gefallen lassen.

Die Chefsekretärin Doris Schuster nimmt eine Art Vermittlerposition zwischen den auseinanderdriftenden Polen ein – grandios gespielt wird sie von Claudia Rohnefeld, die ihre Figur mit einer vordergründigen Naivität ausstattet, die wiederum als Einzige den Mut zur Selbstreflexion beweist. Alexander Hoffelner mimt den aufbrausend veranlagten Social-Media-Manager Kevin Pospischil, der seiner Chefin den Rücken stärkt und mit einem unbedachten Posting einen Shitstorm im Internet entfacht, mit großer Verve. Michelle Catherine Härle glänzt als Praktikantin Emma, die, selbstbewusst und von ihren Idealen überzeugt, der ganzen Belegschaft ihre Sicht der Dinge darlegt, auf ihre Work-Life-Balance pocht und mit großem Nachdruck ihr Weltbild verteidigt. Dem genervten Pfarrer Eberwein, verkörpert von Hubert Wolf, bleibt nur der Versuch übrig, die Wogen innerhalb der völlig außer Kontrolle geratenen Trauerfeier zu glätten. Mit einer gehörigen Portion spöttischem Humor kommentiert er den verbalen Schlagabtausch, der seinen Zeitplan völlig über Bord wirft. Das Ensemble agiert in einem Raumkonzept von Marcus Strahl mit Sitzgelegenheiten und Trauerrednerpult, stimmig dazu wirken die Kostüme von Petra Teufelsbauer, die die Trauergesellschaft in dezentes Schwarz, jedoch mit generationenübergreifendem Business-Chick samt peppiger Abwandlung für die jüngste Mitarbeiterin gewandet hat.

Erfrischenderweise kommt „Kalter weißer Mann“ ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger aus – das Publikum ist dazu angehalten, sich selbst ein Bild über die Thematik zu machen. Auch bleibt es nicht beim Thema „Gendern“: Inwieweit ist unsere Sprache von rassistischen Alltagsfloskeln durchdrungen? Wie kann das mitunter hindernisreiche Miteinander der Generationen in der Arbeitswelt konstruktiv gestaltet werden? Und ist das Singen eines Spirituals bereits eine Form der kulturellen Aneignung? Viele Fragen, die das Stück nicht beantworten möchte, jedoch zweifelsfrei zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anregen. Schließlich gehe es um nichts weniger, als ehrlich wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe zu praktizieren, ohne „von oben“ verordnet oder aufgesetzt zu wirken, und nicht darum, das Recht auf Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Fazit: „Kalter weißer Mann“ ist ein Stück, das unseren Zeitgeist auf satirische Art und Weise, aber auch mit versöhnlichem Augenzwinkern widerspiegelt und reichlich Stoff für Diskussionen liefert. Der Spielfreude des grandiosen Ensembles ist es zu verdanken, dass beim Zuschauen garantiert kein Auge trocken bleibt. Theater, wie man es nur allzu gerne sieht!

Spieltermine im CasaNova Vienna (1010 Wien, Dorotheergasse 6-8, 2. UG):
22. Februar, 29. März, 26. April, 24. Mai, 14. Juni 2026 (Beginn: jeweils 15.30 und 19.45 Uhr) sowie am 7. und 14. September 2026 (Beginn: 19.30 Uhr)
Weitere Informationen: www.casanova-vienna.at

Alle Details, auch zu den Spielterminen in Niederösterreich und in der Steiermark:
www.nbw.at

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert