
Das Menschsein in all seinen Facetten lotet das Lehár Festival in Bad Ischl in seiner Jubiläumssaison – der 65.! (die damals sogenannten „Operettenwochen“ wurden 1961 erstmalig veranstaltet) – aus. Mit „Boccaccio“ von Franz von Suppè hat Intendant Thomas Enzinger ein Werk mit großer musikalischer Strahlkraft und (aus heutiger Sicht) heiteren Betrachtungen der Moralvorstellungen der Entstehungszeit dieser Operette ausgewählt, die 1879 am Wiener Carltheater uraufgeführt wurde.

Physiker Werner Gruber bereicherte die Festivaleröffnung mit einem Experiment und demonstrierte anschaulich, wie rasch Wasser, stellvertretend für unsere Gesellschaft, mit wenigen Tropfen einer weiteren Flüssigkeit versetzt wird, mit dem Ergebnis, dass die Oberflächenspannung, also der Zusammenhalt, nachlässt. Ein Teesieb diente als Metapher für das soziale Netz, das durchlässiger wird, sobald die Solidarität abnimmt. Ein deutliches Plädoyer für den Humanismus also, der in der heutigen Zeit mehr denn je vonnöten scheint.
Für Thomas Enzingers Inszenierung von „Boccaccio“ hat Dramaturgin Jenny W. Gregor eine Spielfassung des Librettos von Friedrich Zell und Richard Genée samt Rahmenhandlung konzipiert: Die Charaktere treten als Zuschauer bzw. Platzanweiser gekleidet peu à peu aus dem Saal heraus auf die Bühne, nachdem Boccaccio sie ermuntert hat, ihre Geschichten zu erzählen. Gleich darauf kehren die Figuren in historisierenden Kostümen wieder, und die Handlung – zehn Episoden, angelehnt an „Das Dekameron“, der berühmten Novellensammlung von Giovanni Boccaccio (1313 bis 1375) – nimmt ihren Lauf.
Denn der „Talk of the town“ des mittelalterlichen Florenz weiß einiges über die pikanten Intermezzi einiger Ehefrauen zu berichten, was wiederum die zugehörigen Männer erzürnt. Und so wird der lebenslustige Poet selbst zur Zielscheibe von Rache, sind es doch seine Erzählungen, die das amouröse Leben der Florentiner Damenwelt zum Inhalt haben. Dabei gilt es für Boccaccio auch noch, seine eigene Liebesgeschichte im Trubel der Ereignisse zu retten.
Unterhaltung mit Anspruch

Die behutsame Modernisierung der Operette ist rundum gelungen, wenngleich auch die Skandalträchtigkeit von Themen wie Ehebruch oder vorehelichen Beziehungen kaum mehr ins Gewicht fällt. Enzingers Inszenierung setzt auf aktuelle Bezüge, Unterhaltung mit Anspruch und dynamische Ensembleszenen, die auch durch die Choreografie (der sechsköpfigen Tanzkompanie) von Lukas Ruziczka erstklassig zur Geltung kommen. Die musikalische Leitung ist bei Christoph Huber in besten Händen, wenn das Franz Lehár-Orchester mit großer Verve Suppès Ohrwürmer zum Besten gibt. Die Ausstattung ist durchwegs opulent ausgefallen: Stefan Wiel hat ein dreigeteiltes Bühnenbild mit Liebe zum Detail entworfen – die großformatige Schreibfeder vor einer Bücherwand auf der linken Seite zieht alle Blicke auf sich, während in der Bühnenmitte die Handlung zwischen Holzfässern und Apfelbaum vorangetrieben wird. Sven Bindseils historisch anmutende und aufwendig designte Kostüme könnten das Gesamtwerk nicht besser abrunden. Das Lichtdesign von Johann Hofbauer setzt geschickt passende Akzente und verleiht zusätzlich Atmosphäre.
Mezzosopranistin Christina Sidak überzeugt ausdrucksstark in der Hosenrolle des missliebigen Dichters, Domenica Radlmaier und Miriam Portmann sind als Isabella und Peronella, die Gattinnen auf Abwegen, großartig bei Stimme, ebenso wie Gerd Vogel und Hans Gröning als ihre betrogenen Ehemänner, Lotteringhi und Lambertuccio, die auch für heitere Momente sorgen. Maria Ladurner ist gesanglich eine zu Herzen gehende Fiametta, Ziehtochter von Peronella und Lambertuccio sowie Geliebte Boccaccios. Martin Lechleitner als zugereister Pietro, Philip Guirola Paganini als Student Leonetto, Nikola Basta als Mönch und Ioan Toma als Ausrufer ergänzen das Ensemble, das durchwegs auch mit großer Spielfreude glänzt. Bestens bei Stimme präsentiert sich auch der Chor.
Fazit: Einmal mehr zeigt das Lehár Festival in Bad Ischl auf vielseitige Weise vor, wie zeitgemäß, inspiriert und publikumsnah im besten Sinn Operetten-Inszenierungen der Gegenwart funktionieren können. Große Empfehlung!
„Boccaccio“ beim Lehár Festival Bad Ischl: Bis 30. August 2026 im Kongress- und Theaterhaus an ausgewählten Terminen (Beginn: 19.30 Uhr bzw. 15.30 Uhr).
Weitere Informationen: www.leharfestival.at
