
„Lebe lieber ungewöhnlich“ lautet das Motto von Maude, der beinahe 80-jährigen, durchwegs unkonventionell lebenden Dame, die das Dasein des jungen Harold gründlich durcheinanderwirbelt. Ihr zufälliges Aufeinandertreffen auf einem Friedhof führt zu einer kurzen, aber umso intensiveren Liebesgeschichte zwischen zwei Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
„Harold & Maude“ ist ein wunderbares Lehrstück über das Leben und die Freude daran, jeden Moment – auch trotz Widrigkeiten – auskosten zu können und dabei auch Normen gesellschaftskritisch zu hinterfragen. Für die Komödie am Kai hat Boris von Poser das Stück von Colin Higgins (1941 bis 1988), das 1971 seine Filmpremiere feierte, dann vom Autor als Roman adaptiert und erst danach als Bühnenversion aufgeführt wurde, als berührende, zu keinem Zeitpunkt ins Kitschige abgleitende Coming-of-Age-Tragikomödie inszeniert.
Harold leidet unter der Kontrollsucht seiner ihn bevormundenden Mutter Mrs. Chasen, die den rund 20-Jährigen am liebsten schon unter der Haube sehen möchte. Er flüchtet sich in vorgetäuschte, makaber anmutende Suizid-Darstellungen, die seine Mutter schon gar nicht mehr schockieren, dafür die junge Hausangestellte Marie aber umso mehr. Auch die beiden ersten Heiratskandidatinnen, die eine Agentur auf Initiative von Harolds Mutter für ihren Sohn entsendet, kann er damit erfolgreich in die Flucht schlagen. Die dritte junge Dame lässt sich nicht so leicht vergraulen, allerdings ist hier schon Maude in den Fokus von Harolds Interesse gerückt…

Martin Gesslbauer hat ein minimalistisches Bühnenbild in Form einer hellgrauen Rampe entworfen, das dem großartigen Ensemble alle Spielmöglichkeiten offen lässt und die Interaktionen zwischen den Charakteren noch mehr in den Vordergrund rückt. Jeweils passende Ausstattungsteile wie das bunte Sofa aus Maudes Wohnung oder eine Parkbank auf dem Friedhof ermöglichen rasche Szenenwechsel.
Daniela Ziegler und Jonas Zeiler verkörpern das ungleiche Paar, dem nur wenige Tage Zeit für Gemeinsamkeit bleibt, da Maude bereits Pläne für ihr Ableben geschmiedet hat. Beiden Mitwirkenden gelingt es gleichermaßen hervorragend, die Beziehung ihrer Charaktere zueinander schlüssig und nachvollziehbar zu gestalten. Maude bietet Harold eine Reibefläche, wie er sie bis dato nicht gekannt hat. Daniela Ziegler (die ihre Rolle aufgrund eines Unfalls im Rollstuhl spielt) stattet ihre Maude mit unbändiger Lebensfreude aus, die den jungen Harold aus seinem Schneckenhaus lockt und ihm die Welt außerhalb seiner gewohnten Bahnen schmackhaft macht. Jonas Zeiler gelingt ein glaubhafter Wandel vom verschlossenen, in sich gekehrten jungen Mann, der an Maudes Seite zum deutlich reiferen Erwachsenen aufblüht, der für sich selbst einstehen kann und seiner Mutter Kontra gibt.

Angela Schneider mimt mit großer Verve und grandioser Mimik die für Harold emotional unerreichbare und auf Standesdünkel bedachte Mutter. Herrlich anzusehen ist es für das Publikum, wenn Mrs. Chasen, in der Annahme, eine adelige Schwiegertochter zu bekommen, erfährt, wen ihr Sohn wirklich heiraten möchte. Xiting Shan ist als Hausangestellte Marie jedes Mal sehr überzeugend einem Nervenzusammenbruch nahe, wenn Harold eines seiner skurrilen Suizid-Schauspiele vollführt. Robert Mohor bringt in seine drei Rollen – als Psychiater Dr. Mathews, der Harold behandeln soll, als Friedhofsgärtner und als Inspektor – unterschiedliche Facetten ein. Victoria Kirchner stattet die drei Heiratskandidatinnen Sylvie, Nancy und Sunshine mit Attributen von konservativ bis hippiesk aus, und Rafael Witaks Pater Finnegan zeigt sich von seiner verständnisvollen, geduldigen Seite, wenn er Maude am Friedhof trifft, die durch ihr unkonventionelles Verhalten auffällt. Petra Teufelsbauer hat das Ensemble in stimmige Kostüme gewandet, von Maudes knallbunter Kleidung bis hin zu Mrs. Chasens streng wirkender Kostüme in gedeckten Farben.
Fazit: Regie und Ensemble haben einen intensiven Theaterabend gestaltet, der die zutiefst menschlichen Aspekte unseres Daseins von einer warmherzigen, lebensbejahenden Seite zeigt und die Kostbarkeit des Moments verdeutlicht. Keinesfalls sollte man diese Produktion versäumen, ganz große Empfehlung!

„Harold & Maude“: Bis 14. März 2026 in der Komödie am Kai (1., Franz-Josefs-Kai 29), jeweils Dienstag bis Samstag (Beginn: 20 Uhr), sowie Sonntag, 8. März 2026, um 16 Uhr.
Weitere Informationen: www.komoedieamkai.at, Karten unter: tickets@komoedieamkai.at