„Bettgeschichten“ in der Freien Bühne Wieden: Reise durch die Gedankenwelt eines Zimmermädchens

Veröffentlicht von
Facettenreiche Darstellung: Nici Neiss in ihrem Stück „Bettgeschichten“ als Zimmermädchen Lynn (Foto: FBW)

Was wäre, wenn…? Diese Frage stellt sich Linda, genannt Lynn, Zimmermädchen im Hotel Eden. Was wäre, wenn sie sich unter dem Bett eines Gastes verstecken müsste, weil dieser zu früh in seine Unterkunft zurückkehrt? Einmal passiert das nur zufällig, weil Lynn noch mit dem Saubermachen beschäftigt ist, doch ab dann wird es zu ihrer Passion, gedanklich in das Privatleben der Gäste einzutauchen. Jeden Dienstag versteckt sie sich in Zimmer 304 unter dem Bett und wartet ab, was geschieht.

Nici Neiss hat den Roman „Das Zimmermädchen“ von Markus Orths, Jahrgang 1969, zu einem tragikomischen Stück mit dem Titel „Bettgeschichten“ (dramaturgische Mitarbeit: Michaela Ehrenstein) verarbeitet, in dem sie selbst die Rolle der Lynn spielt. Neiss verleiht ihrer Figur, inmitten eines trostlosen Daseins, eine große Portion Resilienz („Arbeit ist die beste Therapie!“). So eintönig ihr Alltag doch ist, geht Lynn immer noch mit einem Funken Humor an ihre Tätigkeit heran, die sich zwischen putzen, staubsaugen und Böden wischen abspielt.

Leben zwischen Liebhaber und Therapiestunde

„Bettgeschichten“ in der Freien Bühne Wieden: Nici Neiss als fantasiebegabtes Zimmermädchen Lynn (Foto: FBW)

Dabei existiert sie innerhalb eines fest geregelten, aber anonymen und beziehungslosen Lebens ohne jegliche besondere Momente: Vom Treffen am Montag mit dem Liebhaber über das wöchentliche Telefonat mit der Mutter am Donnerstag und der Therapiestunde freitags macht sich Monotonie breit, die erst mit dem abenteuerlichen Versteck unter dem Bett ihr Ende findet.

In der dynamischen Inszenierung von Joerg Steve Mohr gelingt Nici Neiss eine berührende und sehr facettenreiche Darstellung einer patenten jungen Frau, die ihre Einsamkeit zu meistern scheint. Neiss lässt Lynn in der dritten Person von sich sprechen und schafft dadurch eine Distanz zum Geschehen auf der Bühne. Diese, vielseitig gestaltet von Erwin Bail, ist Mitarbeitergarderobe, Hotelzimmer, Therapieraum und Wohnzimmer von Lynn in einem (Kostüme: Teresa Ungan). Perfekt gesetzte Lichtakzente (Vera Bernhauser) sorgen für ein abwechslungsreiches Stimmungspanorama. Sehr originell gelöst wurden die Szenen, in denen Lynn unter dem Gästebett liegt: Hierbei steht Neiss an der weißen Bühnenwand, angelehnt an einen Teppich.

Eine heiter-melancholische Reise durch die Gedankenwelt einer fantasiebegabten jungen Frau – sehr sehenswert!

Gespielt wird noch bis einschließlich 4. März in der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstraße 60b), Beginn: jeweils 19.30 Uhr, weitere Spieltermine: 9. bis 12. Mai.

Details unter: www.freiebuehnewieden.at

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.