
49 Sitzplätze hat das kleine Kellertheater in der Wiener Liechtensteinstraße, und wer es betritt, nimmt wahrscheinlich die besondere geschichtsträchtige Atmosphäre wahr, die diese Spielstätte verbreitet. Vor 70 Jahren, am 2. Februar 1956, fand die erste öffentliche Veranstaltung statt, eine Lesung des jungen österreichischen Autors Josef Enengel. Erst im Rahmen der Wiener Festwochen, am 21. Juni desselben Jahres, standen die ersten beiden Uraufführungen – Erich Pateiskys „Vorspiel zwischen Tod und Leben“ sowie Eugen Banauchs „Die Stimmen der Wächter“ – auf dem Spielplan des Theaters.
Zum runden Jubiläum lud das Haus zu einem Galaabend in familiärer Atmosphäre, bei dem die Mitwirkenden auf der Bühne die letzten Jahrzehnte charmant und mit Augenzwinkern Revue passieren ließen. Zugleich mit dem 70. Jahrestag der Eröffnung des „Experiment“ wurde eine neue Ära eingeleitet: Fritz Holy und Erwin Bail, die dem Theater seit 1972 verbunden waren (Holy ab 1979 auch als künstlerischer Leiter, Bail in vielseitigen Funktionen als Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler sowie ab 2007 als Co-Leiter) übergaben symbolisch die Theaterschlüssel an das neue Leitungskleeblatt.

Das neue Direktionsquartett Stefanie Elias, Andrea Nitsche, Andreas Paul Seidl und Paul Wiborny präsentierte einen Querschnitt aus der Geschichte der Bühne – von der Gründung des Theaters, das durch mühselige Umbauarbeiten eines ehemaligen Kohlenkellers zu Tage trat, über Zeitungskritiken und die eine oder andere Anekdote aus dem Theaterleben der jüngeren Vergangenheit. Geehrt und mit einem langanhaltenden Applaus bedacht wurden Fritz Holy und Erwin Bail für ihr jahrzehntelanges Wirken. Gedacht wurde auch dem Gründungs-Triumvirat Erich Pateisky, Erwin Pikl (dessen Schwester Grete Pikl ebenfalls eine wichtige Stütze des „Experiment“ war), sowie Conny Hannes Meyer. Herzlich erinnerte man sich an auch Gertraud Frey, jahrzehntelanges Ensemblemitglied und Gattin von Fritz Holy, die ebenso, ab 1972, als Schauspielerin und Regisseurin 45 Jahre lang das „Experiment“ mit ihrer Arbeit prägte. Das neue Leitungskleeblatt bedankte sich schließlich auch noch gebührend bei Inge Bail, die das Theater jahrzehntelang in kaufmännischen Belangen unterstützte. Oliver Steger umrahmte den Abend stimmungsvoll auf seinem E-Bass.

Wer tiefer in die Geschichte des kleinen Traditionshauses eintauchen möchte (und das sei hier ausdrücklich empfohlen!), dem sei die soeben erschiene Festschrift ans Herz gelegt (erhältlich im Theater). In mühevoller Kleinarbeit wurden Archivfotos und andere Archivalien zu den bislang 258 Produktionen durchstöbert und sehr ansprechend zu einer anregenden Lektüre verarbeitet.
Die Programmatik des Hauses, die Werke weitgehend vergessener Schriftstellerinnen wieder einem Publikum zuzuführen, verspricht viele spannende Theaterabende. Bis 21. Februar steht noch die dramatisierte Bühnenfassung von Marie Eugenie Delle Grazies Roman „Titanic. Eine Ozean-Phantasie“ (erschienen 1928) in der Inszenierung von Stefanie Elias als Jubiläumsproduktion auf dem Spielplan.

In diesem Sinne ist dem neuen Leitungsquartett von Herzen alles Gute zu wünschen – möge das „Experiment“ noch sehr lange ein Hort für Auseinandersetzung und Horizonterweiterung sein und weiterhin seinen festen Platz in der Wiener Theaterlandschaft einnehmen!
„Titanic. Eine Ozean-Phantasie“ von Marie Eugenie Delle Grazie: Zu sehen bis 21. Februar im Theater Experiment (Liechtensteinstraße 132, 1090 Wien), Spieltage: Dienstag bis Samstag, Beginn jeweils: 19.30 Uhr
Weitere Informationen: www.theater-experiment.com