„Wildwechsel“ im Theater Experiment: Rebellion bis zur Katastrophe

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Familiäres Gefüge als Konstellation dreier Individuen, die nebeneinanderher leben: Christine Renhardt als Mutter, René Rebeiz als Vater und Iris Schmid als rebellische Erika (Foto: Rolf Bock)

Die Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mädchen und einem älteren Burschen wird einer ganzen Familie zum Verhängnis. Erika, 13 Jahre alt, knüpft zarte Bande zum 19-jährigen Alfred. Die Eltern verbieten ihrer Tochter den Umgang mit dem jungen Mann, aus Angst, ins Gerede bei den Nachbarn zu kommen.

Erika widersetzt sich dem elterlichen Wunsch, trifft sich weiter mit Alfred, der dafür eine Haftstrafe ausfasst. Als er wegen guter Führung entlassen wird, setzen die beiden ihre Beziehung fort was nicht ohne Folgen bleibt: Erika wird schwanger und steht nun vor der Entscheidung, zu ihrem Kind und zu Alfred zu stehen oder sich den Eltern zu fügen. Ein arrangiertes Treffen im Wald zwischen dem jungen Paar und Erikas Vater, der Alfred bei der Polizei anzeigen will, führt zur Katastrophe.

Rochus Millauer hat Franz Xaver Kroetz’ (geboren 1946 in München) sozialkritisches Familiendrama „Wildwechsel“ im Theater Experiment als intensives Rebellionsstück inszeniert. In den kargen Sätzen des Autors spiegelt sich die Lieblosigkeit, mit der die vier Charaktere letztlich miteinander umgehen, adäquat wider.

Erika (Iris Schmid) und Alfred (Bernhard Georg Kölbl) lauern dem Vater im Wald auf. (Foto: Rolf Bock)

Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich im Jahr 1967 in Niedersachsen zugetragen hat. „Wildwechsel“ wurde im Jahr 1971 in Dortmund uraufgeführt und im Jahr darauf von Rainer Werner Fassbinder für die ARD verfilmt, danach allerdings von Kroetz gesperrt, da dieser mit der Interpretation des Filmregisseurs nicht einverstanden war.

Das familiäre Gefüge wird unter Millauers präziser Figurenzeichnung als Konstellation dreier Individuen enthüllt, die nebeneinanderher leben. Sehr stark agiert das Ensemble: Iris Schmid beeindruckt als abgeklärte Erika, die einerseits noch mit Puppen spielt, sich emotional aber noch nicht in der Welt der Erwachsenen zurechtfindet. Ebenso brilliert Christine Renhardt als ihre Mutter, die den Anschein der bürgerlichen Familie um jeden Preis wahren möchte, mögliche Konsequenzen aber nicht in Betracht zieht.

Als cholerisch-autoritäter und ewiggestriger Vater glänzt René Rebeiz, der seiner Tochter jegliche Zukunft mit dem Hilfsarbeiter Alfred versagt. Bernhard Georg Kölbl mimt sehr überzeugend einen jugendlich-unbedarften Alfred, der zwar Urlaubspläne mit seiner jungen Freundin schmiedet, sich letztendlich aber der Aussichtslosigkeit des Unterfangens nicht verschließen kann.

Erwin Bail hat die Stimmung des Stücks treffend auf das Bühnenbild übertragen: Grauschwarz getünchte Wände und in Schwarz gehaltene Versatzstücke als Wohnungsmobiliar und Naturkulisse suggerieren, dass es aus dieser Tristesse kein Entrinnen gibt. „In meinem Alter kennt man noch keine richtige Liebe“ fasst Erika am Schluss die ihr erteilte Lektion zusammen. Ein starkes und ergreifendes Stück, das sich anzusehen lohnt!

Gespielt wird noch bis 6. Mai im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132), jeweils dienstags bis samstags (Beginn: 20 Uhr).

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com

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