„Draußen vor der Tür“ im Theater Experiment: Gnadenlose Odyssee eines Gestrandeten

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„Draußen vor der Tür“: Stefanie Gmachl, Rafael Witak (Foto: Rolf Bock)

Erst 25 Jahre ist er alt, der Kriegsheimkehrer Beckmann, und doch hat er in seinem jungen Leben vor allem Entbehrungen, Elend und Entmenschlichung kennengelernt. Die 1000-tägige Gefangenschaft in Sibirien hat ihre Spuren hinterlassen: Beckmanns Bein ist durch eine Kriegsverletzung unbeweglich geworden, er trägt einen zerschlissenen Soldatenmantel und eine Gasmaskenbrille, weil er kurzsichtig ist und seine echte Brille kaputt geschossen wurde. Beckmanns Zuhause in Hamburg ist nicht mehr das, was es einmal war: Seine Frau lebt mittlerweile mit einem anderen Mann zusammen, die Eltern sind zwischenzeitlich verstorben, in deren Wohnung sind neue Mieter eingezogen.

Beckmann, der als „einer von denen“ schwer traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist, wird von seiner Umwelt mit Ignoranz und Gleichgültigkeit empfangen. „Draußen vor der Tür“ ist jetzt Beckmanns Daheim, und so lautet auch der Titel des erschütternden Stückes von Wolfgang Borchert (1921 bis 1947), das dieser innerhalb von nur acht Tagen verfasste. Als Hörspiel wurde es am 13. Februar 1947 erstmals vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt, am 21. November desselben Jahres führte Wolfgang Liebeneiner Regie bei der Uraufführung des Theaterstücks in den Hamburger Kammerspielen – die der Autor nicht mehr erlebte, da er einen Tag zuvor an den Folgen einer Lebererkrankung starb.

Beckmanns Odyssee durch die Hamburger Nackriegswirren hat Fritz Holy im Theater Experiment packend und zeitlos brisant inszeniert. Rafael Witak verkörpert den innerlich gebrochenen Soldaten beklemmend gut, dem es ob der Gefühlskälte seiner Mitmenschen nicht mehr gelingt, seinen Platz in der Gesellschaft wieder zu finden. In Erwin Bails Bühnenbild, das die Trostlosigkeit des Stücks effektvoll widerspiegelt – vier Türen, die Beckmann wenig einladend erscheinen, samt Tisch und Sesseln auf einem Podest, sowie Holzplanken an den desolat wirkenden Wänden – agieren Stefanie Gmachl, Andrea Schwent, Manuel Girisch, Alexander Nowotny und Bail selbst beeindruckend in den unterschiedlichsten Rollen und stellen den Mikrokosmos des daseinsmüden Beckmann dar.

„Draußen vor der Tür“: Erwin Bail, Rafael Witak (Foto: Rolf Bock)

Stefanie Gmachl verkörpert die junge Frau, die Beckmann kurzfristig neuen Mut spendet, allerdings nur solange, bis ihr Ehemann wieder auftaucht. Dieser (Alexander Nowotny) ist überraschend zurückgekehrt und findet Beckmann zu seinem Mißfallen in seinem Gewand vor, das Beckmann von der jungen Frau geliehen bekommen hat. Seinem ehemaligen Oberst (Manuel Girisch) und dessen Tochter (Andrea Schwent) versucht Beckmann klarzumachen, dass eigentlich er, der Ranghöhere, die Verantwortung für den Tod von elf Soldaten des Spähtrupps hatte, doch der Vorgesetzte lacht Beckmann nur aus. Bei einem Vorsprechen mit einem Kabarettdirektor (Erwin Bail) bekommt Beckmann zu hören, dass die Jugend durchaus den Aufstand proben sollte, doch Anfänger wie er de facto chancenlos auf der Bühne wären. Und bitterer Sarkasmus schlägt ihm entgegen, als er die Wohnung seiner Eltern aufsucht und ihm dort Frau Kramer (Stefanie Gmachl), die neue Mieterin, kühl und direkt verkündet, dass sich diese das Leben genommen hätten. Auch die personifizerte Elbe (Andrea Schwent) verschmäht den Lebensüberdrüssigen. Gott, ein Beerdigungsunternehmer, eine Frau, ein Mann – sie alle kreuzen Beckmanns Weg und führen ihn Stück für Stück näher ins Verderben. Das Lied über die „Tapfere kleine Soldatenfrau“ schwebt gleichsam über dem Geschehen und offenbart den darunterliegenden Zynismus.

Fazit: Ein eindringlich gespielter Abend, der unter die Haut geht – sehr empfehlenswert!

Gespielt wird noch bis 28. April im Theater Experiment (9., Liechtensteinstraße 132), jeweils dienstags bis samstags (Beginn: 20 Uhr). Achtung: Am 26. April entfällt die Vorstellung!

Weitere Informationen: www.theater-experiment.com

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