Freie Bühne Wieden: Krimi-Spannung im alten Wien

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„Der Fall Alexander Girardi“: Alfons Noventa, Michaela Ehrenstein, René Magul, Gerhard Dorfer (Foto: Rolf Bock)

Er war Superstar, er war populär: Alexander Girardi, der „Falco der Jahrhundertwende“ (so nennt ihn Autorin Nici Neiss zu den Erläuterungen im Programmheft) und einstmaliger Liebling des Publikums im Theater an der Wien, ist der Protagonist eines facettenreichen Stücks mit schwungvollen Gesangseinlagen, das in der Freien Bühne Wieden seine Uraufführung erlebt.

Für „Der Fall Alexander Girardi“ hat Nici Neiss viele Details recherchiert und auf spannende, kurzweilige und dramaturgisch ausgefeilte Weise ein lebendiges Bild des Ausnahmemimen (ursprünglich gelernter Schlosser und künstlerischer Autodidakt) entworfen, der durch eine Hinterlist seiner Ehefrau, der Schauspielerin Helene Odilon, beinahe in der Psychiatrie gelandet wäre. Odilon, aus Dresden stammend, avancierte selbst ab 1891 zum Publikumsliebling des Deutschen Volkstheaters, zwei Jahre später heiratete sie Alexander Girardi. Zahlreiche Affären wurden der Schauspielerin nachgesagt, unter anderem eine mit Baron Albert Rothschild, die für Eifersuchtsanfälle bei ihrem Ehemann sorgten.

„Der Fall Alexander Girardi“: Anna Sophie Krenn, John Fricke (Foto: Rolf Bock)

Odilon gelang es, mit Hilfe eines Gutachtens des renommierten Psychiaters Julius Wagner-Jauregg (der seinen „Patienten“ aber gar nicht erst zu Gesicht bekam) eine Einweisung ihres Gatten in eine Nervenheilanstalt und dessen Entmündigung zu erwirken. Girardi wurde aber gewarnt und wandte sich in seiner Not an seine Vertraute Katharina Schratt, die ihrerseits ihre Beziehungen zum höchsten Mann im Staate, seiner Majestät Kaiser Franz Joseph, spielen ließ…

Reinhard Hauser hat Nici Neiss‘ historischen Bilderbogen anlässlich des 100. Todestages von Alexander Girardi sehr effektvoll in Szene gesetzt – mit Hintergrundprojektionen („Die Bühnenwerkstatt“), die die unterschiedlichsten Schauplätze, von der Girardi-Wohnung bis zur Villa Schratt und einer Theaterkulisse, imposant darstellen (Bühne: Martin Gesslbauer). Béla Fischer zeichnet für die musikalische Leitung verantwortlich und zaubert am Flügel ein Potpourri aus Chansons und Couplets, von „Ganz Paris träumt von der Liebe“ bis zum Fiakerlied, die dem Stück zusätzliche Würze verleihen. Die historisch anmutenden Kostüme – Girardi stilecht mit Strohhut – von Barbara Langbein und die aufwendigen Hochsteckfrisuren der Damen (Coco Schober) runden die Inszenierung ab.

Als Blickfang nehmen sich auch die lebensgroßen Scherenschnittfiguren aus, die das Ensemble zeitweilig auf die Bühne bringt, wenn es gilt, die Gerüchteküche der Stadt zu repräsentieren. Als Alexander Girardi  glänzt Alfons Noventa, der die notwendige Strahlkraft besitzt, um den Schauspielstar glaubhaft zu verkörpern. Noventa zeichnet ein sehr menschliches Bild des Publikumslieblings, wenn Girardi sich über zwiespältige Kritiken echauffiert, zeigt aber auch die impulsive Seite des kokainsüchtigen Mimen, wenn sich dieser heftige Eifersuchtsszenen mit seiner Gattin liefert.

„Der Fall Alexander Girardi“: Felix Kurmayer, Michaela Ehrenstein, Alfons Noventa (Foto: Rolf Bock)

Michaela Ehrenstein agiert als Katharina Schratt auf überzeugend mitfühlende, wenngleich auch vernunftbetonte, besonnene Art und gewährt Girardi und seinem Gefährten Gustl Schreiber sogar Unterschlupf in ihrem Gartenpavillon. Schratt, die sich auch nicht zu schade ist, einen Gugelhupf für ihre Gäste zu backen, arrangiert ein Diner mit dem Kaiser, der sich Girardis Problem annimmt. Gerhard Dorfer gefällt als joviale, wohlwollende Majestät, die sich engagiert für ihre Untertanen einsetzt. Felix Kurmayer hat als glaubhaft altruistischer Gustl alle Hände voll zu tun, um seinen Freund Girardi vor dem Unglück zu bewahren. Anna Sophie Krenn verleiht Girardis Ehefrau Helene Odilon äußerst boshafte Züge und berührt in Vorausblenden in ihrer Darstellung der später von einem Schlaganfall gezeichneten und verarmten Frau. John Fricke und René Magul schlüpfen gekonnt in die unterschiedlichsten Rollen und komplettieren das Ensemble.

„Der Fall Alexander Girardi“ ist ein Gustostückerl, nicht nur für Freunde (theater-)historischer Begebenheiten, sondern auch für Liebhaber spannungsgeladener Dichtung!

„Der Fall Alexander Girardi“: Gespielt wird noch bis 5. Mai in der Freien Bühne Wieden (4., Wiedner Hauptstraße 60b), Beginn: jeweils 19.30 Uhr.

Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

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